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Buchtipp für SozialdemokratInnen im Sommerloch

23.07.2008 by socke, filed under Niederlage, Theorie

Warum eigentlich noch sozialdemokratisch wählen?
Nicht nur das Stimmvieh stellt sich immer häufiger diese Frage, es wird auch FunktionärInnen geben, denen die Antwort immer schwerer fällt. Die europäische parlamentarische Linkefaymann steckt in einer gewaltigen Strategie- Krise. Seit dem "Ende der Geschichte" und dem Durchbruch des Neoliberalismus als  globale politische Leitideologie verschwindet der Gestaltungsrahmen der Politik im Allgemeinen und der gesellschaftspolitische Veränderungsanspruch der Sozialdemokratie im Speziellen, zusehends. Sachzwänge und Naturgesetze bestimmen den Diskurs, programmatische Unterschiede zwischen Rot und Schwarz lassen sich kaum mehr feststellen, beide großen Lager haben keine Antworten auf die Probleme der Postmoderne. Alternativen zum kapitalistischen Modell sind sowieso nicht mehr gefragt, weil ja unrealistisch. Das subjektive europäische Gefühl der 60er und 70er, dass alles irgendwie mal langsamer, mal schneller besser wird, ist einem aussichtslosen Abwehrkampf um die durchgesetzten Errungenschaften gewichen. Wer die politisch- ökonomische Ordnung grundsätzlicher hinterfragt ist ein gefährlicher Populist, oder bestenfalls ein idealistischer Träumer. Den Status Quo verwalten die Konservativen naturgemäß effizienter, schlauer und professioneller. Wozu gibts also die SPÖ noch? Wo sind die progressiven Ideen, wo der Gestaltungs- und Veränderungsanspruch der Linken?

wickie ideeVielleicht kann ein gutes Buch den einen oder anderen Funktionär im Urlaub wieder zum Träumen bringen, an die eigene "wilde Jugend" erinnern und Kreativität und Utopien in die Ära der Resignation zurückbringen.

 

Thomas Morus bietet sich dafür an. Er hat vor bald 500 Jahren den Begriff der Utopie aufgebracht. Der englische Staatsmann (1478-1535) war mit Erasmus von Rotterdam befreundet und ein enger Weggefährte Heinrichs VIII. In seiner politischen Laufbahn brachte er es bis zum Lordkanzler. Berühmt wurde er durch seinen Roman "Utopia", in dem er angelehnt an Platons "idealen Staat" ein Gesellschaftsmodell entwirft, das sich gravierend vom England des 16. Jahrhunderts unterscheidet. Der erste Teil des Buches kritisiert die Zustände auf der Insel, die gerade den Segen der kapitalistischen Produktionsweise entdeckt hatte, was zu immensen Verwerfungen innerhalb der englischen Gesellschaft führte. Andererseits übte er Kritik an der despotischen Herrschaft der königlichen Dynastie.

Im zweiten Teil seines Werkes beschreibt Thomasthomas morus Morus die Eindrücke eines Seemannes, der die weit entfernte Insel Utopia besucht und dort auf eine völlig andere Form des menschlichen Zusammenlebens trifft. Utopia besteht aus mehreren Stadtstaaten, die in einer säkularen Republik zusammengefasst sind und von einem gewählten Präsidenten verwaltet werden. Jeder Stadt steht ein ebenfalls gewählter Senat vor, wichtige Entscheidungen werden mittels Volksabstimmung (ob Gusi Utopia erst kürzlich studiert hat, weiss ich nicht) gefällt. Mehrere Familien leben in Verbänden zusammen, haben gemeinsame Küchen. Es gibt kein Privateigentum, jede(r) BürgerIn hat Anspruch auf die Waren, die benötigt werden. Geld gibt es auch keines, dafür aber einen Arbeitszwang, 6 Stunden täglich muss geschuftet werden, welcher Beruf ausgeübt wird, können die Menschen selbst entscheiden. Die Felder rund um die Stadt werden gemeinschaftlich turnusmäßig bewirtschaftet. utopiaHoher Wert wird auf Bildung gelegt, es gibt eine allgemeine Schulpflicht, künstlerisch und wissenschaftlich Begabte werden speziell gefördert. Wichtigstes Freizeitvergnügen der Utopier ist das Teilnehmen an öffentlichen wissenschaftlichen Vorlesungen. Kranken- und Altersfürsorge wird von der Gemeinschaft getragen. Die Antwort auf demographische Probleme heisst Migration. Religiöse Toleranz ist selbstverständlich.

Mit Utopia begründete Morus die literarische Richtung des utopischen Romans. 1535 wurde der Vordenker von seinem ehemaligen Förderer Herinrich VIII. inhaftiert und hingerichtet. Ironischerweise nicht wegen seiner Gesellschaftskritik, sondern weil er sich bis zuletzt weigerte das von dem König (dem Begründer der anglikanischen Kirche) eingeführte Scheidungsrecht anzuerkennen. Der aufrechte Katholik und Luther- Gegner wurde somit eines der vielen Opfer des egozentrischen Monarchen, der ja bekanntlich auch einige seiner Frauen exekutieren ließ.

Den Volltext der Utopia gibts unter folgendem Link:

http://www.zeno.org/Philosophie/M/Morus,+Thomas/Utopia

utopia_brettspiel 


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