Captain Compass
Anders Reisen mit Capt. Compass
... diesmal: Guyana – am Ende der Welt
Geneigte Mitreisende, Capt. Compass ist wieder zurück. Nachdem mich eine nicht enden wollende Flaute in einer literarischen Kalmenzone festgehalten hat, blähte sich die Takelung – gracias al diablo – wieder im Wind und trieb mich vor die Küsten eines kaum bekannten Landes.
Die Rede ist von Guyana, einer ehemals britischen Kolonie, die heute zwischen Venezuela, Brasilien und Suriname eingezwängt vor sich hin döst, ohne Gefahr zu laufen von den Verwerfungen internationaler Entwicklungen aufgeschreckt zu werden. Bekannt ist das Land vor allem durch das mittlerweile 31 Jahre zurückliegende Massaker von Jonestown, bei dem 909 Sektenmitglieder des Peoples Temple von ihrem Guru Jim Jones in den Selbstmord getrieben oder ermordet wurden.
Weniger bekannt ist, dass Guyana und der Großteil seiner knapp 800.000 EinwohnerInnen gleichsam eine indische Enklave auf südamerikanischem Festland darstellen – erraten, die Briten brauchten Arbeitskräfte und nachdem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Sklaverei international (zumindest de jure) verboten wurde, war man auf BilligstlohnarbeiterInnen angewiesen, die dann massenweise aus Indien herangeschafft wurden. Ebenso wenig ist bekannt, dass die rund 215.000 km² einen überwältigenden Naturraum darstellen (Tafelberge, Savanne, Dschungel, Wasserfälle), der durchzogen ist von Gold- und Diamantadern und enorme Bauxitvorkommen aufweist. Als passionierter Rumtrinker ist es mir geboten schließlich auch noch den hervorragenden Demerara-Zuckerrohrschnaps zu erwähnen, der sich, wenn auch weniger bekannt, zweifelsohne auf Augenhöhe mit Rumgrößen wie Havana Club, Cazique oder Flor de Cana bewegt.
Dennoch beginnt das Ende der Welt (oder besser, eines der Enden der Welt) in der Hauptstadt Georgetown – Bürotürme sucht man hier vergeblich ebenso wie eine Börse oder Niederlassungen internationaler Medienunternehmen – die aber nur den Vorgeschmack auf das bietet was im Landesinneren anzutreffen ist. Wer an die brasilianische Grenze möchte hat nur die Möglichkeit sein Schicksal in die Hände der Bushpilots zu legen – deren Ruf zumindest zweifelhaft ist, wird ihnen doch nachgesagt ehemalige Piloten von großen Fluglinien zu sein, die auf Grund dienstlicher Verfehlungen gefeuert wurden (wie gut der Rum in Guyana ist, wurde ja bereits angesprochen) – oder sich zum Teil tagelang in einen Minibus zu setzen um über Staub- oder Schlammpisten das Land zu durchqueren.
Ist man erst in dieser Ecke des Landes angekommen, gibt es
dort nichts mehr – außer Goldgräbercamps in Mitten eines dichten Dschungels. Der Großteil ist nur via Boot oder Flugzeug zu erreichen, sodass hitchhiking
hier eine völlig neue Bedeutung erhält – ein Propellerflugzeug das nicht auf
den letzten Platz besetzt ist, wird gerne von Gold- und DiamantschürferInnen
dazu benutzt um in die nächste Siedlung zu kommen um sich dort mit dem
Notwendigsten zu versorgen, bezahlt wird in Diamanten. Wo es eine Häufung an
Minen in der Nähe eines Flusses gibt, werden am Ufer einige Bäume gefällt und
Holzhäuser aufgestellt, die als Bars, Bordelle und Schnapsläden fungieren,
wobei diese „Orte“ im Umkreis von Hunderten Kilometern meist die einzigen
menschlichen Siedlungen darstellen. Trotz der rauen Umgebung und des ständigen
Überlebenskampfes, muss einen der Aufenthalt in dieser Region nicht wirklich
beunruhigen. Die Menschen begegnen Reisenden meist mit einer Freundlichkeit die
manch anderen Ländern gänzlich unbekannt ist, gefährlich sind wenn schon die
Bootsfahrten auf diversen Flussläufen oder der Verzehr einheimischer
Süßwasserfische, ist der Großteil der Flüsse Guyanas doch durch den Abbau von
Gold mit Quecksilber verseucht.
Licht und Schatten liegen also auch am Ende der Welt eng
beieinander, nichtsdestotrotz muss Guyana als außerordentlich spannendes
Fleckchen Erde bezeichnet werden. Ob gesellschaftlich, politisch (nach der
Unabhängigkeit wurde ein, v.a. hinsichtlich der internationalen Beziehungen,
sehr linker Weg eingeschlagen) oder eben ökonomisch. Hinzu kommen grandiose
Naturschauspiele (wie der Kaieteur – ein Wasserfall im Zentrum Guyanas
der sich von einem Tafelberg aus rund 300m in die Tiefe stürzt) und
Landschaften die letztlich von einer sehr vielfältigen Tierwelt (von Jaguaren
über Ameisenbären bis zu Manatees, Flussdelphinen und dem nur rund um Lethem vorkommenden
Tayra) bewohnt werden – the place to be!
Anders Reisen mit Capt. Compass
Wenn „Land in Sicht“ zur gefährlichen Drohung verkommt und der heimatliche Hafen den Punkt markiert, an dem eine Halse die einzig wählbare Alternative zu sein scheint, dann ist es Zeit, den Blick in die Richtung zu wenden, aus der man kommt, sich selbst zu vergewissern, so schnell als möglich zurückzukehren und abzuschütteln was auf einen zukommt. Die Dörflers, Grafs und Fekters brauchen einen dann nicht weiter zu bewegen, man denke einfach an Kielholen oder die allseits beliebte Planke. Oder man denke an Mosquitos und Sandflöhe, deren Stiche und Bisse im Vergleich zu diversen Leserbriefseiten in heimischen Medien, gleichsam wie ein Verwöhnprogramm in einem Wellnesshotel wirken. Ein solches Verwöhnprogramm bietet etwa die holländisch kolonialisierte Karibikinsel Curacao. Bekannt vor allem für ihren untrinkbaren Likör – was ein echter Seebär ist, trinkt auch auf Curacao Flor de Cana (nicaraguanischer Rumweltmeister 2007) oder Cazique (den venezolanischen Rumklassiker) -, für Bilderbuchstrände und atemberaubende Tauchreviere, bietet die Insel allerdings einiges mehr, was für das Gros der Landratten die in übergroßen Kreuzfahrtschiffen auf die Insel gekarrt werden, meist unter der Oberfläche verborgen bleibt.
Mit Einsetzen des transatlantischen Dreieckhandels – wahrscheinlich einer der besten ökonomischen Schmähs der Weltgeschichte – wurde in der Karibik die Errichtung von Umschlagplätzen für SklavInnen notwendig, an denen jenes knappe Drittel der Menschen, das den Transport von Afrika in die Karibik überlebt hatte, aufgepeppelt und weiterverkauft werden konnte. Eben einer dieser Orte war Curacao und als solcher bietet die Insel die Möglichkeit Einblick in eines der dunkelsten Kapitel der Weltgeschichte zu erhalten. Die Schweinerei daran liegt nicht nur in der entwürdigenden Behandlung der Menschen, in deren Verschleppung in eine andere Welt, wo sie als Gefangene bis zum Umfallen schuften mussten und sich sicher sein konnten, dass ihre Kinder, sobald sie ihren ersten Schrei in dieser grausamen Welt getan hatten, zur nächsten SklavInnengeneration gemacht würden. Die Schweinerei wirkt auch heute noch nach. Das perfide System des transatlantischen Dreieckhandels machte die Kontinente gleichsam zu kommunizierenden Gefäßen, in denen der Spiegel auf europäischer Seite ständig angestiegen ist, während die afrikanische und die karibische Seite kontinuierlich ausgetrocknet wurden. Denn schon bald nach der Entdeckung der „Neuen Welt“ erkannten europäische Geschäftsleute, dass sie ihre heimischen Fertigwaren außerordentlich gewinnbringend in Afrika gegen SklavInnen eintauschen konnten, von wo aus sie die Opfer ihrer ökonomischen Findigkeit in die Karibik brachten um sie gegen sog. Kolonialwaren (Zucker, Tabak, Farbstoffe, etc.) einzutauschen, die wiederum in Europa auf den Markt gebracht wurden.
Damit wurde einerseits eine eigenständige wirtschaftliche Entwicklung der Karibik verunmöglicht, war die Produktion auf den Westindischen Inseln doch einzig auf die Bedürfnisse der Kolonialmächte ausgerichtet. Gleichzeitig wurden dem afrikanischen Kontinent Millionen an Menschen entzogen, vom Trauma der Versklavung gar nicht zu sprechen. Und die EuropäerInnen? Die investierten ihre Gewinne in den Aufbau der Industrie und des Bankwesens am Kontinent, kippten karibischen Rum in sich hinein und freuten sich endlich auf ein anderes Gewürz als Salz gestoßen zu sein.
Der Soziologe Eric Williams, in den 1960ern Premier von Trinidad & Tobago, schrieb in den 1940ern sinngemäß, ohne den transatlantischen Dreieckshandel und die Sklaverei hätte die Industrielle Revolution in Europa nicht stattfinden können und wenn auch neuere Forschungsergebnisse seine Zahlen nach unten revidieren, ist ihm in der Tendenz rechtzugeben. War die Argumentation der „Festung Europa“ ohnehin seit jeher schwierig, ist sie unter diesem Gesichtspunkt an Zynismus kaum zu überbieten.
In diesem Sinne: Reisen kann mehr als Ballermann, Strand und Sonne. Sich auf den Spuren der Vergangenheit zu bewegen mag zwar unangenehm sein, gut tun kann‘s uns allen allemal!
Platz an der Sonne - CC
Die allgegenwärtige Krise hat mittlerweile auch Österreich erfasst. Eine handfeste Rezession steht uns bevor, das Ende ist nicht abzusehen. Womöglich bleibt Phönix diesmal am Boden, wer weiss. Unsere Regierung ist ganz mit sich selbst beschäftigt. Die Affäre Faymann-Pröll entwickelt sich gut, die Vernunftehe mutiert zu einer echten Liebesbeziehung. Nur leider regieren sie nicht wirklich, keiner findet sich, der den Karren aus dem Dreck zieht. Beängstigende Gerüchte geistern durch das Land, wonach sogar Kaiser Robert
Heinrich I. ans Abdanken denkt. Und Welt-Präsident Obama hat die Hoffnungen auf baldige Besserung in seiner Inauguration-Speech gedämpft, auf den können wir also auch nicht warten. Was also tun, woher das Wachstum nehmen, wenn Fleiß nicht mehr ausreicht?
Imperialismus könnte ein Weg aus der Krise sein. Frei nach dem Motto "It's a dirty job, but someone's got to do it" nimmt das Subersivmesse-Team die Herausforderung an. Bereits im Herbst haben wir im Triester Hafen eine stolze Fregatte ausgerüstet und gen Westen entsandt. Captain Compass ist unterwegs, um für das Exportland Österreich neue Märkte zu erschließen, fremde Völker zu unterwerfen und unbewohntes Land zu kolonisieren. Vor wenigen Stunden brachte eine Heroldin erste Kunde von unserer Expedition, die - nach geglückter Atlantik-Überquerung - eine kleine Karibikinsel vor der venezolanischen Küste erreicht hat. Curacao nennen die eingeborenen Holländer das Eiland, das außerdem von einer großen Zahl entlaufener Sklaven bewohnt wird. Captain Compass hat den höchsten Berg erklommen und die Insel mit dem Aufkleben des Subversivmesse-Hoheitssymbols vor Gott und der Welt in Besitz
genommen. Curacao lechzt nach österreichischer Qualitätsware. Exportschlager könnten neben Schiliften und Schneekanonen, auch FPÖ-Gemeinderäte und Qualitätszeitungen werden. Die schwarzen Sklaven werden in einen sicheren Drittstaat begleitet, sofern sie nicht als Liftwarte dienen wollen. Was die Habsburger versaut haben, holen wir jetzt nach. Auch Österreich verdient einen Platz an der Sonne. Compass ist zur Stunde wieder auf See, auf der Spur von Gerüchten, wonach auf einer nahegelegenen Insel genügend Hanfreserven lagern, um zumindest diese ärgste Not im alten Europa zu lindern. Wir dürfen auf seinen nächsten Bericht
gespannt sein..
Re:Anders Reisen mit Capt. Compass