Lebensweisheit
Von Affen und TalibanInnen
Am Dienstag wählen die USA einen neuen Präsidenten. Nichts Neues, seit über einem Jahr wird wahlgekämpft. Einmal mehr werden evangelikale Christen (etwa 20% der Wahlberechtigten) den Urnengang entscheiden. Obama hat überhaupt nur deshalb Chancen, weil auch die gottesfürchtigen Fundis um ihren Kontostand bangen und Mc Cain wirtschaftspolitisch nichts zutrauen.
Evangelikale sind noch unheimlicher als herkömmliche Christen, weil sie doch tatsächlich die Bibel beim Wort nehmen. Freaks also, Abtreibungsgegner, Hardcore-Individualisten, homophobe und rassistische Mittelklasse. Sie sehen die Vereinigten Staaten als das neue Zion, sie fühlen sich von Gott auserwählt und berechtigt den Rest der Welt ins Licht zu führen. Zu Hause sind sie im sogenannten Bible Belt zwischen Texas und Virginia und zu Hause unterrichten sie auch oft ihre Kinder, um sie vor den schädlichen Einflüssen staatlicher Schulen zu bewahren. Seit den 80er Jahren sind sie wieder auf dem Vormarsch, mächtiger und einflussreicher denn je. Dabei waren sie schon einmal geschlagen, von der Vernunft besiegt, der Lächerlichkeit preisgegeben. 1925 war das, in Dayton, Tennessee. Der Lehrer John Thomas Scopes stand vor Gericht, weil er in Biologie die Evolutionstheorie nach Charles Darwin unterrichtete. In Tennessee war das seit kurzem verboten, weil ja Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen hat, vor ungefähr 6000 Jahren. Und der Mensch wurde natürlich nach seinem Ebenbild geformt und ist sicher keine zufällige Weiterentwicklung irgendwelcher Primaten.
Scopes wurde zu 100 Dollar Strafe verurteilt, der Prozess war trotzdem ein Meilenstein, denn Gott blieb die Beweisführung schuldig, die Vertreter der Anklage blamierten sich im Zeugenstand und die liberale Presse beider Küsten machte sich wochenlang über die einfältigen Hinterwäldler des Südens lustig
(zu sehen unter anderen in einem großartigen Film mit Spencer Tracey). Politisch waren die Fundis damit erledigt. Auf Jahrzehnte, bis ein gewisser George Bush senior mit ihrer Hilfe zum Präsidenten gewählt wurde. Wichtigstes Anliegen der neu formierten radikalen Christen ist neben der Abtreibungsfrage die Rückkehr der Schöpfungslehre an die amerikanischen Schulen. Kreationismus und Intelligent Design heißen die pseudowissenschaftlichen Disziplinen, die sich dem 6-Tage-Märchen verschrieben haben.
Es wird spannend, wieder einmal muss sich auch der alte Darwin einer Wahl stellen. Vote for Charles and fuck religion!
Bilder auf Ebay
...Bilder die in den kommenden Tagen/Wochen/Monaten sicherlich nicht auf ebay versteigert werden...
Vol. 1:
ein euro fünfzig
die letzten wochen zeichneten sich durch eine schreckliche desolidarisierung aus. während regierungen rund um die uhr arbeiteen und sich um die rettung des okonomischen flows bemühten, lehnen sich die bevölkerungen zurück und legen ihr erspartes auf sparbücher.
nach einem kassasturz möchte ich diese passivität nun durchbrechen und zu einer bieterInnengemeinschaft zum ankauf der aua aufzurufen. ich steig mit einem euro fünfzig ein.
angebote bitte hier deponieren, vielleicht können wir nach linz schon mit sub-air fliegen oder dort jumbo-mäßig übernachten. bitte nur ernstgemeinte angebote!
Blogliturgie und Wahlergebnis
Aber: die Liturgie des politischen Blog
ist streng und verlangt ein wenigstens kurzes Eingehen auf das
Wahlergebnis zur österreichischen Nationalratswahl 2008.
Zuerst das Gute: Wilhelm Molterer (oder „Pater Willi“, wie Jörg Haider und ich ihn nennen) ist endlich weg. Ein tapferer, kleiner Mann, dessen by-any-means-necessary-Haltung ich am Schluss schon fast respektvoll goutierte. Immerhin haben er und die Plassnik sich recht konsequent mit der Krone angelegt. Nichtsdestotrotz: endlich ist sie weg, die Zwiederwurz'n.
Dann das Zweitschlechte: Herr
Dichand und seine Partei haben "gewonnen". Das finde ich persönlich
und ... äh... „demokratiepolitisch“ (das ist mir jetzt
unangenehm) sehr bedenklich. Aber Darth Fader gewinnt nun mal gerne,
und Werner Skywalker wird schon noch sehen, was er davon hat.
Frühestens 2009 (eher später) will die EU wieder eine Abstimmungsrunde zu einem
abgeänderten EU-Vertrag angehen, spätestens dann wird Herr Dichand
den Preis für seinen Support fordern. Wahrscheinlich aber früher.
Dann das wirklich Schlechte: die
rechtsextremen Schwesterparteien BZÖ und FPÖ haben gemeinsam fast
30% der Stimmen errungen. Das kann man jetzt natürlich mit
„Proteststimmen“ begründen, es als „Denkzettel“ für die
„Streithanseln“ interpretieren. Oder aber man sagt: ein Drittel
der ÖsterreicherInnen trägt latent rechtsextremes Gedankengut mit
sich rum. Was wiederum auf eine weitere Schlechtigkeit
verweist: das Potential für bürgerlich-linke oder liberale
Parteien scheint nicht recht viel mehr als 10% zu betragen. Zumindest
deckt sich diese vorsichtige Mutmaßung des Herrn Filzi (der
Prohaska der Innenpolitik) mit meiner lebensweltlichen Wahrnehmung
des Wahlmobs.
Was das für uns (schreibtischarbeitende, suchtmittelgesetzumgehende, mehrheitsösterreichische, sozialversicherte BerufssuderantInnen) bedeutet: herzlich wenig. Für die, die jetzt schon in der Scheiße sitzen, wird’s aber sicher nicht besser: AsylwerberInnen, MigrantInnen, Prekarisierte, ArmutsgrenzeunterschreiterInnen, formal schlecht Gebildete.
Zum Schluss noch - Mein Koalitionstipp: Rot-Schwarz. Was wäre cool: Minderheitsregierung. Was sollte wirklich hurtig angegangen werden: Bleiberecht, Fremdenrechtsreform, Bildungsreform. Diese Sache mit dem Finanzkapital, dem sogenannten. Und das mit der Prohibition... aber davon träum' ich nicht einmal mehr. Goverments suck!
Man darf Dämlichkeit nicht mit Doofheit entschuldigen
Eine Binsenweisheit, gerade für das kleine liberale, intellektuelle, linke, ... Segment der österreichischen Wählerschaft. Gerne entschuldigt die sozialdemokratische Fraktion dieses Segments den moralischen, politischen und intellektuellen Niedergang der SPÖ mit ebenjener Doofheit der WählerInnen – wolle man zumindest das Schlimmste (die ÖVP?) verhindern, müsse die Partei eben vorbehaltslos mit an der Spirale schrauben und aktiv in den Niederungen der österreichischen Seele um Stimmen buhlen. Sicher sei das eklig, aber ansonsten bräuchte man ja nicht einmal antreten zur Wahl...
STOP! Das muss ja einmal ein Ende
haben! Man darf Dämlichkeit nicht mit Doofheit entschuldigen! Wer
glaubt, dass man die Wendewendewendepolitik der SP strategisch
rechtfertigen kann, wer argumentiert, dass der Kniefall vor Dichand
natürlich peinlich, aber letztendlich berechtigt (weil siegbringend)
ist, der verdrängt eines: der Sieg einer solchen Partei ist nicht
der einer linken Partei, die sich im Wahlkampf halt opportunistisch
gibt, sondern der einer opportunistischen Partei, die sich nicht
einmal im Wahlkampf links gibt. Ein roter Kanzler mag uns zwar aus
doofen (siehe oben) Gründen besser vorkommen als ein schwarzer, aber
politisch ist das dann angesichts der inhaltlichen Verluste kaum noch
argumentierbar.
Deshalb noch einmal: man darf Dämlichkeit nicht mit Doofheit entschuldigen!
Die Fratze des Bösen
Eine liebe Freundin zeigte sich bei der Filmbesprechung erstaunt über die sympathisch wirkenden PLO- Aktivisten, die die Bombe unter ihrem Bett scheinbar gar nicht verdient hätten. Ganz "normale" Männer, höflich, umgänglich, Familienväter - genau wie die israelischen Agenten auch. Da stellt sich die Frage: gibt es das Böse überhaupt? Die Dichotomie zwischen Gut und Böse bedient eine ureigene menschliche Sehnsucht nach Sicherheit, nach Klarheit. Gott ist gut, der Teufel böse. Dazwischen gibt's nichts, kein Platz für Schattierungen, Graustufen und differenzierte Sichtweisen. Wie einfach wäre das Leben, wenn diese christliche Schwarzweiß- Sicht funktionieren würde. Die einzige Herausforderung für die "Guten" bestünde dann darin, das Böse oder die Bösen zu erkennen und dann zu bekämpfen, zu verachten, nicht zu grüßen, aus der Partei auszuschließen oder im Bedarfsfall auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. Als Kinder werden wir in dieser gefährlich- naiven Weltsicht sozialisiert. Das Erwachsenwerden konfrontiert uns dann immer öfter mit der grauen Realität. Klar hat der Mann Böses getan, aber warum? Weil er böse ist? Weil sein Vater schon böse zu ihm war? Gibt es etwa gute Gründe böse zu sein und ist das dann überhaupt noch böse? Jemanden zu töten ist eigentlich ein böser Akt. Hitler zu töten wäre eine Heldentat gewesen.
Die Aufklärung hat das dichotome Bild etwas relativiert, zumindest der Bildungselite ist klar, dass Gut und Böse keine Zustandsbeschreibungen und schon gar keine Wesensdefinitionen sind, sondern, den individuellen Handlungsspielraum der Menschen beschreiben. Geht es nach Karl Jaspers ist nicht das Ergebnis einer Handlung entscheidend für deren moralische Kategorisierung, sondern das Motiv, der Antrieb und die Mittel. Wer also aus niederen, triebhaften Motiven handelt, handelt böse, egal was dabei rauskommt. Umgekehrt spielen die oftmals verheerenden Konsequenzen von "gut gemeinten" Aktionen keine Rolle für deren Bewertung.
Rupert Neudeck ist so ein guter Mensch. So sieht er sich wohl selbst und auch Jaspers würde ihm dies bescheinigen. Mit seiner Hilfsorganisation Cap Anamur sammelt der zweifellos sympathische Aktivist Geld, um im Sudan Sklaven freizukaufen (Ja, Sklaverei gibt's noch und ein Ende ist nicht abzusehen). Für die einzelnen freigekauften Individuen bedeutet das die Rettung, sie werden wieder in ihre Dörfer zurückgebracht. Für das Problem der Sklaverei im Sudan insgesamt sind die Folgen derartiger Aktionen fatal, denn schon bald bildete sich ein regelrechtes Geschäftsdreieck heraus. Die NGOs sammeln Geld und bezahlen für die Ware Mensch, Zwischenhändler streifen einen guten Teil der Spenden ein und professionelle Menschenfänger sorgen für genug Nachschub. Die gut gemeinte Aktion führte zu einem dramatischen Anstieg der Verschleppungen, das Problem wurde verschärft, anstatt gemildert. Böse, oder nicht?
Die Klassenlotterie
Mein subversives Potential erschöpft sich in einer rebellischen Adoleszenz und der nachhaltigen Umgehung des Betäubungsmittelgesetzes. Immerhin, möchte ich betonen, denn manche sind einfach nur so doof.
Der Werdegang ist also klassisch, vom Klein- zum Bildungsbürger, mit einigen Jugendsünden (ich habe z.B. im Jahr 1999 einmal die SPÖ gewählt, um Schwarz/Blau zu verhindern und habe mich auch manchmal ohne jeden Grund gerauft; für beides schäme ich mich sehr). Es verwundert in Folge nicht einmal mich selber, dass ich ohne einen Wimperzucker etwas wechsle, das manche Altvorderen „Klasse“ nennen. Also vom unmotivierten Arbeitnehmer zum unmotivierten Jungunternehmer (aka „Neuer Selbstständiger“) mutiere. Unfreiwillig, weil es mir wie vieles im Leben halt so passiert und die zufällig anwesende Abendessenrunde mich einhellig darin unterstützt hat. Und diese ganze Klassenrhetorik ja eh tendenziell großer Humbug ist.
Und jetzt stehe ich da, als
umsatzsteuerbefreiter Kleinunternehmer mit SVA-Selbstversicherung,
Angst vor der Einkommenssteuerprüfung und dem festen Vorsatz, nie
wieder krank zu werden. Weil soviel verdienen, dass ich mir 20%
Selbstbehalt beim Arzt leisten kann, möchte ich eigentlich gar
nicht. Ich bin nämlich insgeheim der Meinung, dass Verdienste im
vierstelligen Eurobereich die Unmoral fördern sowie überhaupt
deppert machen können.
Dass die arbeitsteilige Gesellschaft ihre Produktivkräfte auch durch individuelle Initiative zu neuen Höhen der Entfesselung führen muss, glaube ich Euch sofort. Sogar als guter Sozialist, der ich nicht bin. Aber eigentlich will ich damit nichts zu tun haben und ich sag's euch gleich: mit mir wird kein Wirtschaftswachstum bestritten und keine Rezession abgewehrt. Einberufen könnt ihr mich, aber wenn's ernst wird leg` ich mich auf die Couch und tu' das was ich am besten kann: ich umgehe das Betäubungsmittelgesetz.
Re:Die Klassenlotterie
die zufällig anwesende abendessenrunde lehnt jede verantwortung für deinen klassenverrat ab.
Re:Abendessenrunde
Die Abendessenrunde hieß mich freudig in ihrem Kreise willkommen!
Feuchtgebiete 3: Ein feministisches Buch?
Der „Rasurzwang“ (Roche) und ähnliche Lifestyle – ja/nein Debatten (z. Bsp. Brust OPs, Stöckelschuhe, …) sind auch andernorts zu beliebten Themen avanciert (vgl. auch Rubrik Haltungsnote in diestandard.at), die Polarisierung in lust- oder zwangvolle Anpassung an gängige Schönheitsideale oder die Rebellion dagegen wird gern zur Gretchenfrage einer sich selbstverständlich als locker begreifenden allgemeinen „feministischen Haltung“ stilisiert. In dieser moderaten Form bleibt Feminismus zwar auch in Klischees verhaftet, ist aber offensichtlich wieder salonfähig. Der gemeinsame Feind sind Normen, der Weisheit letzter Schluss ist immer das Credo individueller Freiheit, so auch bei Roche: „Ich möchte nur, dass Frauen die Wahl haben, den einen oder einen anderen Weg zu gehen.“ hier gehts zum link
Aber welche Wege das sein, und wie sie beschritten werden könnten, bleibt offen. Feuchtgebiete bringt zwar keine neuen feministischen Perspektiven, fängt aber auf unterhaltsame Weise einige grundlegende Stimmungen und Erfahrungen postmodernen „Frau-Seins“ ein. Es gibt genug Identitätsangebote, von denen man sich als Frau abgrenzen kann oder sollte – aber offenbar wenige, die einer Identifikation wert sind.
Vielfältige Arten des weiblichen Orgasmus zu kennen (wie von Helen ausführlich dargelegt), ein ausgefeiltes Vokabular für Sexualorgane und –praktiken zu haben oder provokante Kritik an Hygiene und Weiblichkeitsnormen sind erfrischend und erfreulich, aber noch keine politische Strategie zur Gleichstellung. Auch nicht, wenn sie zum selbstbestimmten Umgang mit dem eigenen Körper ermutigen sollen und das Selbstbewusstsein heben. Zudem ist die Freizügigkeit der Protagonistin nicht bruchlos selbstbestimmt, wenn sie sie als Mittel einsetzt, um Anerkennung und Zuwendung zu finden.
Nun sind es gerade diese Bruchstellen, die zwischen provokanter Abgrenzung zum Althergebrachten bzw. „Angebrachten“ und der Suche nach individuell vertretbaren Lösungen zum Ausdruck kommen, die Helen authentisch und sympathisch machen. Der Autorin kann durchaus auch aus Sicht der Leserin zugestimmt werden, wenn sie sagt: „Was Helen sich in dem Buch denkt, hat viel mit mir zu tun.“ hier gehts zum link
Obwohl Roches Interviews und Ausführungen zum Buch oft oberflächlich bleiben, definiert sie doch sehr klar und direkt, was Feminismus für sie bedeutet: „Konkret bedeutet das, dass meine Mutter mir beigebracht hat, dass die Welt frauenfeindlich ist und dass es noch viel zu tun gibt, bis Frauen dieselben Chancen haben wie Männer. Das hat auch etwas mit Zivilcourage zu tun: Wir müssen uns streiten.“ hier gehts zum link
Da hat sie recht – und dafür ist Selbstbewusstsein hilfreich und freche Schamlosigkeit wirklich oft heilsam. Und dazu kann man bzw. frau in Feuchtgebiete tatsächlich einiges lernen.
Feuchtgebiete 2: Praktische Emanzipation
Eine andere Frage, die die Diskussion um den Roman in den Raum stellt, ist jene nach seinem feministischen Gehalt. In dieser Hinsicht bleibt die Geschichte vage, ambivalent und lässt eine grundlegende Botschaft vermissen. Was prinzipiell ja dem Zeitgeist entspricht.
Die im Roman aufgegriffene Forderung nach Selbstbestimmung über den eigenen –weiblichen - Körper ist bekanntlich feministisch. Anatomische und sexuelle Selbsterforschung wie –erfahrung erlangten bereits vor knapp 40 Jahren Bedeutung in feministischem Diskurs und Praxis. Etwas später zeigte Nina Hagen auf legendäre Weise (Club 2) vor, wie Frauen erfolgreich zum Orgasmus kommen. Feuchtgebiete erweitert diese Tradition um etliche Sexualpraktiken, interessante Masturbationstechniken, ein beachtliches Vokabular („Perlenrüssel“, „Vanillekipferl“ usw.) und unglaubliche Alternativen zum Konsum diverser Hygieneartikel – die allerdings nicht unbedingt zum Nachahmen animieren. Dennoch keine Frage, der Bruch mit Tabus und Weiblichkeitsnormen ist auch heute relevant. Die Lockerheit, mit der sich die Lektüre „gegen Hygienehysterie und sterile Frauenzeitschriftästhetik“ sowie gegen den „standardisierten Umgang mit dem weiblichen Körper“ (Roche) wendet, wirkt stellenweise tatsächlich regelrecht befreiend. In dieser Hinsicht ist das Buch jedenfalls als Beitrag zur Emanzipation zu werten.
„Frauen haben nach der Lektüre meines Buches gesagt: Jetzt ist mir nichts mehr peinlich.“ (Roche)
Emanzipation vom Emanzentum?
Verstehen wir Feminismus aber als politische Bewegung mit dem Ziel der Gleichstellung von und Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen, reichen sexuelle Lust, selbstbewusste Provokation und trotziger Individualismus nicht mehr aus; es ist nicht zu vermuten, dass exzessiver Sex oder der Verzicht auf Körperhygiene zur Aufhebung der Einkommensschere führt, die Charlotte Roche im Spiegel Interview als Beleg für die noch nicht erreichte Gleichstellung anspricht. Roche selbst führt die Einkommensschere darauf zurück, dass Frauen erst lernen müssten, ihr Gehalt vernünftig zu verhandeln. hier gehts zum link
Die Abgrenzung zum „Schwarzer“ – Feminismus markiert Roche (auch im Spiegel Interview) über die Forderung nach lustvoller Freizügigkeit statt politisch korrektem Sexualverhalten. Klar, aber Alice Schwarzers Zeit als symbolisch feministische Integrationsfigur ist doch bekanntlich lange und definitiv vorbei (Wetten dass???) und die entsprechende (Sexual)Moral auch!? Würde mich interessieren, wie viele Frauen, die das Bedürfnis danach verspüren, sich tatsächlich wegen Alice Schwarzer von Porno schauen und SM Praktiken abhalten lassen… also nicht so ganz nachvollziehbar diese Forderung.
Außerdem gabs neben jenen Feministinnen, die heterosexuelle Praktiken dogmatisch als Unterdrückung von Frauen betrachteten, immer auch feministisch gesinnte Menschen, die das subversive Potential von Sexualität exzessiv (be)lebten.
Charlotte Roche nimmt das von den Medien angetragene Label einer neuen „Feministin“ zwar gerne an, die von ihr im Interview explizierte Botschaft des Romans fällt dann aber enttäuschend aus: „Aber wenn ich einen zarten Appell formulieren darf, dann so: Ich hätte gerne, dass es auf Frauen einen weniger großen Druck gibt, sich komplett zu enthaaren. Frauen rasieren sich aus einem vorauseilenden Gehorsam. Ich glaube, dass sogar Männer über ein paar weibliche Schamhaare ganz dankbar wären, weil sie ja mit Frauen, nicht mit Kindern schlafen wollen.“ (Das würde vermutlich auch Alice gefallen;))
Trotzdem soll Helens sympathischer Lösungsvorschlag nicht vorenthalten werden: „Ich finde, wenn Männer rasierte Frauen wollen, sollen sie auch das rasieren übernehmen, Und nicht den Frauen die ganze Arbeit aufhalsen. Frauen wäre es doch ohne Männer ganz egal, wie behaart sie sind. Wenn beide sich so gegenseitig rasieren, wie sie es am hübschesten finden, dann ist das das beste Vorspiel, das ich mir vorstellen kann.“ (Helen in Feuchtgebiete)
Feuchtgebiete 1: Die Lektüre
Im Frühjahr 2008 erschienen, avancierte Charlotte Roches Debütroman Feuchtgebiete (Dumont) - als Skandalroman gehandelt - rasch zum Bestseller. Im kommenden Herbst wird der Roman am Neuen Theater in Halle als gleichnamiges Stück erstmals inszeniert. hier gehts zum link
Feuchtgebiete erfreut sich in erstaunlich vielfältigen LerserInnenkreisen großer Beliebtheit. Offenbar entspricht die Wirkung dem Inhalt: Wie bei einem schrecklichen Unfall gibt es viele Schaulustige. Angeregt durch die sehr unterschiedlichen Rezeptionen der AugenzeugInnen und die öffentliche Diskussion steht das Werk nun auch in meinem Bücherregal, zwischen Catherine Millet und Virginie Despentes.
Die Geschichte handelt von der erst 18jährigen Helen Memel, die nach einer missglückten Intimrasur auf der Inneren Abteilung eines Krankenhauses liegt und sich nicht nur den als „unmädchenhaft“ geltenden Stellen ihres Körpers widmet, sondern auch den langsam und im Verlauf des Romans immer stärker auseinander klaffenden Wunden ihrer Seele.
„Ich sehe meinen Roman ja durchaus als Masturbationslektüre: Es gibt eine nachdenkliche Ebene, und es gibt die Ebene, die Männer und Frauen aufgeilen soll“, so die Autorin im Süddeutsche-Interview
.
Die literarische Verschränkung dieser beiden Ebenen ist im Roman auch sehr gut gelungen, Lust und Verletzlichkeit durch den eigenen Körper werden in provokanten, amüsanten und berührenden Episoden thematisiert. Wirklich ekelerregend sind nur die wenigsten Stellen, vor denen mich der Buchhändler beim Erwerb des Werkes auch gleich eindringlich zu warnen versuchte. Der Eindruck, der bereits aus der öffentlichen Diskussion des Romans entstanden ist, mit seitenweise Brechreiz erweckenden Ausführungen provozieren zu wollen, bestätigte sich bei der Lektüre überhaupt nicht. Einzig die „Gulaschmahlzeit“ und die eigenwillige Art der Toilettenreinigung lesen sich als Überschreitung, andere Schmankerl aus Helens „Körperrecycling“ kommen eher lustig daher.
Letztendlich ist das Scheidungskind Helen auf der Suche nach Zuwendung. Sie ist eine zerbrechliche Antiheldin, die Tabus bricht, weil ihre Familie zu den Fragen, die ihr auf der Seele brennen, schweigt. Witzig und traurig zugleich ist der Roman unbedingt lesenswert (!!!) und noch eines auf jeden Fall: subversiv. Gängige Identitätsangebote und Verhaltensregeln für Frauen werden auf radikale Weise – zumindest literarisch – untergraben (für die Praxis sind wir ja selbst zuständig ;). Ganz nebenbei gibt’s auch noch brauchbare Tipps zur Avocadozucht. Ein Happy End findet aber nur, wer eines haben will…
Re:TalibanInnen
Sehr geehrte Socke,
der Plural von "Talibaan" ist "Talibanette".
Re:Von Affen und TalibanInnen
wohl eher noch talibaneuse, aber weibliche taliban können eh nicht lesen und schreiben..