Parlament
Der blaue Sprachenstreit Teil II
Der Linzer Ortstafelkämpfer Kleinhanns bekommt endlich Verstärkung: Für allgemeine Heiterkeit sorgte unlängst ein Gesetzesantrag des FPÖ-Abgeordneten Gerhard Kurzmann. Er verlangt in seinem Entwurf zu einem Bundesgesetz zum Schutz und Erhalt der deutschen Sprache rigorose Vorschriften für Handel, Arbeit und Bildungswesen, sowie Druckwerke, Musik- und Fernsehsendungen. Ein eigens eingerichteter Sprachbeirat soll Verstöße dagegen ahnden. Sogar Ewald Stadler, der seit dem Sommer für das BZÖ bellt, machte sich über die Forderungen seiner ehemaligen Mitstreiter lustig. Vorbild sei die französische Gesetzeslage, die jedoch real kaum Auswirkungen hat. Man bekommt den Eindruck, dass die Sprache vorgeschoben wird, eigentlich geht es den Kameraden um den Erhalt der angeblich gefährdeten "deutschen Volkskultur", was immer das auch sein soll. Das Wesen einer Sprache haben die Herren jedenfalls nicht verstanden. Sprache ist kein fixes System, das die Jahrhunderte unverändert überdauert, ganz im Gegenteil: Wie alle kulturellen Leistungen ist auch sie lebendig, lebt vom Austausch mit anderen Sprachen, von Verschmelzung und Weiterentwicklung, sonst würden wir heute noch Mittelhochdeutsch oder was weiß ich was reden.
Wie ernst es der blaue Recke mit seinem Kreuzzug gegen Anglismen wirklich nimmt, verrät ein Blick auf seine Homepage/Heimatseite. Dort gibt Kurzmann "Trekking Touren" als eine seiner Freizeitbeschäftigungen an. Das klingt schon mal nicht recht deutsch und ist bei weiterer Betrachtung ein wundervolles Beispiel für die Absurdität des freiheitlichen Kulturkampfes. "Trekking" kommt vom niederländischen und plattdeutschen Begriff trekken und bedeutet soviel wie "etwas ziehen". Von holländischen Siedlern nach Südafrika gebracht, ins Afrikaans übernommen und nach dem britischen Sieg im Burenkrieg ins Englische integriert, landete der Begriff als "Trekking" schließlich wieder in Europa und sogar auf Kurzmanns Heimatseite. Jeder weitere Kommentar erübrigt
sich, wir dürfen gespannt sein, mit was uns die beiden völkischen Komiker Kleinhanns und Kurzmann als Nächstes amüsieren werden.
Aus der Hohen Bude II
Ab 12. November und bis zum 11. April steht BesucherInnen im österreichischen Parlament in Wien eine Republik.Ausstellung 1918|2008 zur Anschauung frei. Das Interesse an der Ausstellung hielt sich in Grenzen, zuvor war im Frühjahr das Gedenken an den bejubelten Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich bis auf verwirrte von der ÖVP beklatschte Betrachtungen eines gewissen Otto Habsburg ebenso unbedacht geblieben. 2008 war nach dem bis ins sinnentleerte stilisierte Jubliläumsjahr 2005 geschichtspolitisch nahezu beschauchlich verlaufen.
Business as usual - Stefan Karner produziert mit seinen Freunden und Freundinnen eine Ausstellung für das Parlament. Kein Grund zur Aufregung? Zumal die Ausstellung bereits 2005 in ähnlicher wiewohl deutlich martialischeren Gestalt die Schallaburg geschmückt hat. Und next stop: Haus der Geschichte?!
Die Finanzierung der Ausstellung aber auch ihre inhaltliche Ausrichtung war Gegenstand einer parlamentarischen Anfrage der Grünen von Anfang Dezember 2008. Anfang Februar liegt die schriftliche Beantwortung durch das Bundeskanzleramt vor und zum 12. Februar erschien nun in der Printversion des Standard auch ein Artikel, skandalisiert werden dort allerdings nur die zu Hohen Kosten der Ausstellung.
Dabei mag die Ausstellung mit 1,4 Millionen Euro 'unglaublich teuer' sein, lohnender wäre allerdings tatsächlich sich einmal mit den Inhalten dieser Ausstellung zu beschäftigen, bzw. die - ebenfalls im Antrag enthaltene - Fragen rund um ein sog. 'Haus der Geschichte' zu diskutieren.
Wolfgang Zinggl fragt in der parlamentarischen Anfrage danach, warum der Verfolgung und Ermordung der Jüdinnen und Juden während der Zeit des Nationalsozialismus derart wenig Platz eingeräumt wurde. Zudem wollte er vom Bundeskanzler erfahren, ob ihm die Verkürzung des Themenkomplexes 'Migration und Einwanderung' auf eine sog. 'Gastarbeiterschaft' adäquat erscheine. Und schließlich bemängelt er in Punkt 26 die Darstellung von Opposition, Bürgerinitiativen oder von wichtigen zeitgeschichtlichen Affären, wie der Waldheim-Affäre oder der Frischenschläger-Reder-Affäre.
In der Beantwortung sagt Bundeskanzler Faymann, er könne sich 'mit der inhaltlichen Ausrichtung der Ausstellung identifizieren'. Zu den einzelnen Kritikpunkten meint er lediglich, dass die große Zeitspanne und der begrenzte Raum eben dazu geführt habe, dass 'es immer einzelne Elemente geben [wird], die nach der individuellen Auffassung einzelner Besucherinnen und Besucher unter- oder überrepräsentiert sind.'
Ich habe die Ausstellung vor drei Wochen besucht. Bevor die Führung los ging blätterte ich noch im erschienenen Ausstellungsband. Darin hat neben anderen Historikern und Historikerinnen auch der bekannte rechte Historiker Lothar Höbelt einen Beitrag gestaltet.
Eine jünger Frau begrüßt die kleine Gruppe zur Ausstellung und führt uns durch die Sicherheitsschranke. Oben im Ausstellungssaal bleiben wir vor der ersten großen Landkarte 'Österreichs' stehen, es handelt sich um das von den deutschen Abgeordneten 1918 gewünschte Territorium 'Deutschösterreichs'. Darin enthalten ist freilich auch Südtirol und alle tschechoslowakischen Gebiete, in denen auch der eine oder andere deutsche Dialekt gesprochen wurde. Die Grenzen von Österreich, wie in Versaille festgelegt, sieht man erst auf einer späteren Landkarte. Vermittelt wird hier, es habe ein eigentliches Österreich gegeben, das von den Alliierten noch mehr zusammen gestutzt worden ist. Die Vermittlerin spricht ganz selbstverständlich von 'den Sudetendeutschen', als hätte es diesen generalisierenden Terminus damals bereits gegeben. Verräterisch auch ihr ständiges reden von 'wir' und 'unser', bei historischen Ereignissen und Beständen bei denen sie wohl kaum dabei war.
Dann spricht sie von der Zwischenkriegszeit, zum Justizpalastbrand meinte sie, es sei üblich gewesen derartige Fälle mit Freispruch zu beurteilen, bei einem unkommentiert hängenden antisemitischen Plakat erklärt sie, es habe in Österreich keinen echten Antisemitismus bis zum Einmarsch Hitlers gegeben. Sie bringt schöne Beispiele, von einem Gesandten Mussolinis, der 'selbst Jude' gewesen sei und den Auftrag gehabt hätte Österreich zu mehr Antisemitismus anzustiften; Österreich habe abgelehnt. In der Diskussion beruft sie sich wiederholt auf Bücher von Stefan Karner und argumentiert den wissenschaftlichen Stand der Dinge. Wie der offensichtlich mittlerweile aussieht konnte beim Exkurs zum 'Ständestaat' studiert werden. Die Machtübernahme von E. Dollfuß breitet sie ausführlich aus, als sei die Situation zwar etwas vertrackt aber im Grunde doch rechtens gewesen. Ihre Ausführungen über den 'Ständestaat' klingen als würde sie mit ihm sympathisieren. Ich frage, ob sie keinen Faschismus sehe, warum sie den Begriff 'Austrofaschismus' nicht erwähne. Wissenschaftlich gesehen - sagt sie - muss man von 'Ständestaat' sprechen, da sich die Protagonisten damals nicht als 'Austrofaschisten' beschrieben haben. Die paar Sätze über den Nationalsozialismus in Österreich höre ich noch ein wenig mit an, kein Wort über politisch verfolgte Menschen während des Nationalsozialismus, dafür berichtet sie über die Hilfe der katholischen Kirche bei der Ausreise von konvertierten Juden und Jüdinnen. Als die Vermittlerin am Ende des Zweiten Weltkrieges angekommen ist, ist ihre Zeit um; kurz verweist sie noch auf den Rest der Ausstellung. Gegenüber in der Halle hängt ein riesiges Bild von Sudetendeutschen auf der Flucht. Nirgends ein vergleichbares Bild von Opfern des Nationalsozialismus. Schließlich kommt die Frau noch einmal auf mich zu und empfiehlt mir ein gutes Buch, in dem diese Wahrheiten zu finden wären: 90 Jahre Republik, von Stefan Karner.
Re:Der blaue Sprachenstreit Teil II
einen wundervollen text zu ebendiesen thema (deutsche recken/deutsche sprache) hat vor wenigen tagen woldgang zinggl im standard veröffentlicht:
http://derstandard.at/?url=/?id=1220458877492%26_lexikaGroup=5