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Theorie


Der blaue Sprachenstreit Teil II

31.03.2009 by socke, filed under Theorie, Parlament

Deutsch-RitterDer Linzer Ortstafelkämpfer Kleinhanns bekommt endlich Verstärkung: Für allgemeine Heiterkeit sorgte unlängst ein Gesetzesantrag des FPÖ-Abgeordneten Gerhard Kurzmann. Er verlangt in seinem Entwurf zu einem Bundesgesetz zum Schutz und Erhalt der deutschen Sprache rigorose Vorschriften für Handel, Arbeit und Bildungswesen, sowie Druckwerke, Musik- und Fernsehsendungen. Ein eigens eingerichteter Sprachbeirat soll Verstöße dagegen ahnden. Sogar Ewald Stadler, der seit dem Sommer für das BZÖ bellt, machte sich über die Forderungen seiner ehemaligen Mitstreiter lustig. Vorbild sei die französische Gesetzeslage, die jedoch real kaum Auswirkungen hat. Man bekommt den Eindruck, dass die Sprache vorgeschoben wird, eigentlich geht es den Kameraden um den Erhalt der angeblich gefährdeten "deutschen Volkskultur", was immer das auch sein soll. Das Wesen einer Sprache haben die Herren jedenfalls nicht verstanden. Sprache ist kein fixes System, das die Jahrhunderte unverändert überdauert, ganz im Gegenteil: Wie alle kulturellen Leistungen ist auch sie lebendig, lebt vom Austausch mit anderen Sprachen, von Verschmelzung und Weiterentwicklung, sonst würden wir heute noch Mittelhochdeutsch oder was weiß ich was reden.

turmbau_breughelWie ernst es der blaue Recke mit seinem Kreuzzug gegen Anglismen wirklich nimmt, verrät ein Blick auf seine Homepage/Heimatseite. Dort gibt Kurzmann "Trekking Touren" als eine seiner Freizeitbeschäftigungen an. Das klingt schon mal nicht recht deutsch und ist bei weiterer Betrachtung ein wundervolles Beispiel für die Absurdität des freiheitlichen Kulturkampfes. "Trekking" kommt vom niederländischen und plattdeutschen Begriff trekken und bedeutet soviel wie "etwas ziehen". Von holländischen Siedlern nach Südafrika gebracht, ins Afrikaans übernommen und nach dem britischen Sieg im Burenkrieg ins Englische integriert, landete der Begriff als "Trekking" schließlich wieder in Europa und sogar auf Kurzmanns Heimatseite. Jeder weitere Kommentar erübrigt sprachenvielfaltsich, wir dürfen gespannt sein, mit was uns die beiden völkischen Komiker Kleinhanns und Kurzmann als Nächstes amüsieren werden.


Re:Der blaue Sprachenstreit Teil II

Posted by Anonymous User at 31.03.2009 17:59

einen wundervollen text zu ebendiesen thema (deutsche recken/deutsche sprache) hat vor wenigen tagen woldgang zinggl im standard veröffentlicht:

http://derstandard.at/?url=/?id=1220458877492%26_lexikaGroup=5

Ohne Titel

19.02.2009 by kle, filed under Theorie

Sie kapieren diese Sache mit der „Krise“ nicht?

Es ist ganz einfach zu verstehen, erinnern sie sich nur an das zugegeben sehr dämliche Spiel ihrer Kindheit, das ihr Onkel, Großvater oder sonst ein älterer männlicher Verwandter ihnen zeigte:

„Wenn das mein Fuß wäre, und das dein Fuß, dann würde ich immer nur auf meinen Fuß hauen“.

Au.

 

 

 

 


geister fahren!

07.12.2008 by Kurto, filed under Linz, Lebensweisheit, Theorie

nicht nur landeshauptmänner stellen im strassenverkehr eine ernste gefahr dar. nirgens gibt es so viele geisterfahrer wie in österreich und nirgens gibt es so viele krude begründungen, warum österreich noch nicht so weit sei. zum beispiel für homoehe oder kreisverkehr. gestern irritierte uns eine meldung im ö3-verkehrsfunk, die während 35 minuten 5 mal wiederholt wurde und in der letzten ansage so klang: "achtung, achtung, ein geisterfahrer ist auf der A7 der mühlkreisautobahn zwischen knoten linz und der vöest unterwegs. die polizei versucht seit einer halben stunde die 12 km-strecke abzufahren. wir, die geübten rechner, wunderten uns über die durchschnittsgeschwindigkeit von 24 km/h der streife. und dann, wie immer, "der geisterfahrer hat die autobahn verlassen". wie macht das der geisterfahrer? überlegt euch das mal genau. das ist eine finte. jedenfalls fuhren wir 6 stunden später wieder die a7 entlang, in die gegengesetzte richtung, und wieder (derselbe?) geisterfahrer. die polizei sperrte 2 tunnel und so weiter ...

aufnahmen von geisterfahrern gibt es auch. wer angst im strassenverkehr hat, sollte sich folgendes video

lieber entgehen lassen.


Re:geister fahren!

Posted by hans einstein at 08.12.2008 16:19

das mit dem geisterfahrer hängt fundamental vom blickwinkel ab. so können es auch mal mehr werden. das habe ich mir mal gedacht, als in rumänien auf unserer spur plötzlich einige autos angefahren kamen.

Re:geister fahren!

Posted by mhoo1 at 02.02.2010 07:45
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New York, Helsinki und die Kultur der zerbrochenen Scheiben

28.11.2008 by socke, filed under Theorie, Polizei, Underground

sprayerGraffiti gehört zu jeder "richtigen" Stadt, ist aus der urbanen Kultur nicht wegzudenken. Versuche diese Form der (Sub)Kultur mit repressiven Maßnahmen zu unterbinden gibt es seit die erste Wand (in Harlem?) angeschmiert wurde. Rudi Giuliani, Ex- Bürgermeister von New York guilianiund einer der 9-11 Helden ist leidenschaftlicher Verfechter der "broken window- Theorie", ein leider nicht völlig absurder Ansatz zur Kriminalitätsbekämpfung. Sie geht davon aus, dass die konsequente Verfolgung von Kleinstdelikten schwere Verbrechen verhindert. Wird ein zerbrochenes Fenster nicht sofort repariert, senkt es die Hemmschwelle für Bösewichte, noch mehr Scheiben einzuschlagen. Selbiges gilt für Graffiti. Einbrüche usw. sind die Folge. Wer eine Gegendapple also verkommen läßt, schafft Kriminalität. So weit die Theorie. Guiliani überzog den Big Apple nach seinem Amtsantritt 1994 mit einer noch nie dagewesenen Law&Order-Politik. Die Statistik und vor allem das subjektive Sicherheitsgefühl der New Yorker scheinen seinen Ansatz zu bestätigen. Vor allem die Horrorzahlen der Mordstatistik konnten drastisch gesenkt werden. Repression als Prävention setzte sich nach und nach auch in anderen amerikanischen Großstädten durch. Die finnische Hauptstadt Helsinki ging einen ähnlichen Weg. Vor allem dem Sprayen wurde der Kampf angesagt-bis vor kurzem. Keine Ahnung, wie viele Menschen in der Hafenstadt ermordet werden, mit Kunst hat das anscheinend nichts zu tun, denn Helsinki helsinki

änderte seine Politik. Seit wenigen Tagen gilt Graffiti als Teil der Stadtkultur, wird gefördert und anerkannt (sofern die Besitzer damit einverstanden sind). Böse Zungen behaupten, dass dies vor allem daran liegt, dass der Stadt das Geld für die sofortige Entfernung der Kunstwerke ausging und die Entscheidung wohl eher pragmatische Gründe hat. Trotzdem finnlandist Helsinki vielleicht Trendsetter. Der Repressions-Hype könnte sich langsam überholt haben, mal sehen, welche Stadt die nächste ist. Ich geh mal davon aus, dass sich diese nicht in Österreich findet.


Re:New York, Helsinki und die Kultur der zerbrochenen Scheiben

Posted by Anonymous Couch Addicted at 28.11.2008 14:21

Die ersten Graffiti gab's vermutlich vor dem Homo Sapiens (aka "Höhlenmalerei"). Graffiti im modernen Sinn gibt spätestens seit den alten Ägyptern, besonders berühmt sind die antiken Graffiti aus Rom und vor allem Pompeii.

Mehr Infos: http://en.wikipedia.org/wiki/Graffiti#History

kyselak...

Posted by der wombat at 18.12.2008 13:28

http://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Kyselak

In Österreich wird sich zwar sicherlich nicht die nächste Stadt finden, die öffentliche Flächen demokratisiert, aber zumindest war einer der ersten belegten "Tagger" Ösi...

Re:New York, Helsinki und die Kultur der zerbrochenen Scheiben

Posted by Anonymous User at 05.03.2009 12:34

Ich war in Helsinki und fand einige richtig tolle Museum hir ist das link .. ich hoffe dass es hilfreich ist : http://cylex.fi/helsinki/museo.html

ein euro fünfzig

22.10.2008 by Kurto, filed under Lebensweisheit, Theorie

die letzten wochen zeichneten sich durch eine schreckliche desolidarisierung aus. während regierungen rund um die uhr arbeiteen und sich um die rettung des okonomischen flows bemühten, lehnen sich die bevölkerungen zurück und legen ihr erspartes auf sparbücher.

nach einem kassasturz möchte ich diese passivität nun durchbrechen und zu einer bieterInnengemeinschaft zum ankauf der aua aufzurufen. ich steig mit einem euro fünfzig ein.

angebote bitte hier deponieren, vielleicht können wir nach linz schon mit sub-air fliegen oder dort jumbo-mäßig übernachten. bitte nur ernstgemeinte angebote!


Re:ein euro fünfzig

Posted by marry at 15.01.2010 07:27
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Kulturpolitik – Zukunft ohne Gegenwart

22.09.2008 by kle, filed under Niederlage, Theorie
Am 22.10. luden das „Offene Forum freie Szene Linz“ (im wesentlichen ein Ausdruck der Kartell-Liste, in der sich freie AktivistInnen in Linz kurzschließen), der Kulturrat und die Kulturplattform OÖ zu einer Veranstaltung an die Linzer Kunstuniversität. Unter dem Titel „Kulturpolitik – Zukunft ohne Gegenwart“ fand eine Podiumsdiskussion unter der Moderation von Martin Wassermair statt.

 

Die illustre Runde der Gäste:

  • Wolfgang Zinggl (Kultursprecher der Grünen im Nationalrat)
  • Christian Denkmair (Landesgeschäftsführer der SPÖ Oberösterreich)
  • Erich Watzl (Vizebürgermeister und Kulturreferent der Stadt Linz)
  • Betty Wimmer (Vorsitzende KUPF - Kulturplattform OÖ)

 

Alle2

 

 

 

Abb1.: Wimmer, Zinggl, Wassermair, Watzl, Denkmair

 

Zweck der Diskussion war wohl Thematisierung von Kulturpolitik anlässlich eines unpolitischen Wahlkampfes, Anlass das Erscheinen des Buches „Kampfzonen in Kultur & Medien“, herausgegeben vom Moderator Wassermair. Das Ziel: grundsätzliches in der Kulturpolitik zu diskutieren, ideologische und pragmatische Scheuklappen beiseite zu schieben, PolitikerInnen zu konkreten Aussagen zu zwingen und die Positionen der freien Szene in den Köpfen der PolitikerInnen und der Öffentlichkeit zu verankern. Kulturpolitik als solche zu erkennen und zu bearbeiten. Oder, ganz im Sinne der KUPF: das Feld des sogenannten Realpolitischen nicht den RealpolitikerInnen zu überlassen und das politische Feld als solches zu Beackern.

Das konkrete Ergebnis erinnerte leider an die derzeit stattfindenden Wahlkampfkonfrontationen im Öffentlich-Rechtlichen. Die drei Politiker (zwei davon aus Bundesregierungsparteien, der dritte immerhin aus einer Landesregierungspartei) redeten viel und sagten wenig. Wolfgang Zinggl versuchte wenigstens in die Tiefe der Sache vorzudringen, Watzl und Denkmair zogen statt Kaninchen nur Binsenweisheiten aus dem Ärmel. Der Moderator sprach viel über sein Buch, schien aber mehr sich selbst hören zu wollen als auf die Argumentationen der Gäste einzugehen. Und weder der KUPF-Vertreterin am Podium noch den zahlreichen Szene-AktivistInnen im Publikum gelang es, den (Un-)Kommunikationsprofis etwas entgegen zu halten. Die zarten Versuche, anstatt einer Budgetdebatte eine über Förderstandards, Arbeitsbedingungen oder gesellschaftliche Funktionen der Kulturarbeit anzustiften, verhallten ungehört. Die unterschiedlichen Positionen der Parteien wurden kaum ausdifferenziert, und nach 2 Stunden schienen alle froh zu sein, dass es endlich vorbei war.

Das Gegenteil von gut ist immer noch gut gemeint. Inhaltliche Debatten, losgelöst von dem Mühen der Ebene, scheinen in Zeiten der medialen Politinszenierungen und Quotenprostitution kaum möglich. Formate wie eine Podiumsdiskussion scheitern schnell am Anspruch einer gewissen Klub2-Romantik. Konkrete Fragen hätten vielleicht bessere Antworten der Podiumsgäste erzwungen, abzuarbeitende Themenkataloge vielleicht einen roten Faden erkennbar gemacht. Vielleicht aber auch nicht. Aber so war's einfach nur langweilig. Schad' drum.

 

Links:

Wolfgang Zinggl

Christian Denkmair

Betty Wimmer

Erich Watzl

Martin Wassermair

 

 


Die Fratze des Bösen

01.09.2008 by socke, filed under Lebensweisheit, Theorie
München TerroristWie so oft, wenn professionelle Couch Potatoes abends ein Glas Wein trinken, werden die TV- Highlights der vergangenen Woche besprochen. Alle haben Spielbergs Film "München" gesehen. Der Streifen handelt von den Vergeltungsmaßnahmen des Mossads nach der blutigen Geiselnahme während der Olympischen Spiele 1972 in der bayrischen Hauptstadt. Damals brachten palästinensische Terroristen des "Schwarzen September" 11 israelische Sportler in ihre Gewalt. Die Aktion endete in einem Blutbad, alle Olympioniken, fünf Terroristen und ein Polizist starben im Kugelhagel. Der darauffolgende israelische Rachefeldzug ging als Operation "Zorn Gottes" in die Geschichtsbücher ein. Nach und nach wurden die vermeintlich Verantwortlichen vom Mossad liquidiert.

 

böser WeihnachtsmannEine liebe Freundin zeigte sich bei der Filmbesprechung erstaunt über die sympathisch wirkenden PLO- Aktivisten, die die Bombe unter ihrem Bett scheinbar gar nicht verdient hätten. Ganz "normale" Männer, höflich, umgänglich, Familienväter - genau wie die israelischen Agenten auch. Da stellt sich die Frage: gibt es das Böse überhaupt? Die Dichotomie zwischen Gut und Böse bedient eine ureigene menschliche Sehnsucht nach Sicherheit, nach Klarheit. Gott ist gut, der Teufel böse. Dazwischen gibt's nichts, kein Platz für Schattierungen, Graustufen und differenzierte Sichtweisen. Wie einfach wäre das Leben, wenn diese christliche Schwarzweiß- Sicht funktionieren würde. Die einzige Herausforderung für die "Guten" bestünde dann darin, das Böse oder die Bösen zu erkennen und dann zu bekämpfen, zu verachten, nicht zu grüßen, aus der Partei auszuschließen oder im Bedarfsfall auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. Als Kinder werden wir in dieser gefährlich- naiven Weltsicht sozialisiert. Das Erwachsenwerden konfrontiert uns dann immer öfter mit der grauen Realität. Klar hat der Mann Böses getan, aber warum? Weil er böse ist? Weil sein Vater schon böse zu ihm war? Gibt es etwa gute Gründe böse zu sein und ist das dann überhaupt noch böse? Jemanden zu töten ist eigentlich ein böser Akt. Hitler zu töten wäre eine Heldentat gewesen.
 
Die Aufklärung hat das dichotome Bild etwas relativiert, zumindest der Bildungselite ist klar, dass Gut und Böse keine Zustandsbeschreibungen und schon gar keine Wesensdefinitionen sind, sondern, den individuellen Handlungsspielraum der Menschen beschreiben. Karl Jaspers StraßeGeht es nach Karl Jaspers ist nicht das Ergebnis einer Handlung entscheidend für deren moralische Kategorisierung, sondern das Motiv, der Antrieb und die Mittel. Wer also aus niederen, triebhaften Motiven handelt, handelt böse, egal was dabei rauskommt. Umgekehrt spielen die oftmals verheerenden Konsequenzen von "gut gemeinten" Aktionen keine Rolle für deren Bewertung.

Rupert NeudeckRupert Neudeck ist so ein guter Mensch. So sieht er sich wohl selbst und auch Jaspers würde ihm dies bescheinigen. Mit seiner Hilfsorganisation Cap Anamur sammelt der zweifellos sympathische Aktivist Geld, um im Sudan Sklaven freizukaufen (Ja, Sklaverei gibt's noch und ein Ende ist nicht abzusehen). Für die einzelnen freigekauften Individuen bedeutet das die Rettung, sie werden wieder in ihre Dörfer zurückgebracht. Für das Problem der Sklaverei im Sudan insgesamt sind die Folgen derartiger Aktionen fatal, denn schon bald bildete sich ein regelrechtes Geschäftsdreieck heraus. Die NGOs sammeln Geld und bezahlen für die Ware Mensch, Zwischenhändler streifen einen guten Teil der Spenden ein und professionelle Menschenfänger sorgen für genug Nachschub. Die gut gemeinte Aktion führte zu einem dramatischen Anstieg der Verschleppungen, das Problem wurde verschärft, anstatt gemildert. Böse, oder nicht?


Re:Die Fratze des Bösen

Posted by avanoah at 16.01.2010 06:16
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Buchtipp für SozialdemokratInnen im Sommerloch

23.07.2008 by socke, filed under Niederlage, Theorie

Warum eigentlich noch sozialdemokratisch wählen?
Nicht nur das Stimmvieh stellt sich immer häufiger diese Frage, es wird auch FunktionärInnen geben, denen die Antwort immer schwerer fällt. Die europäische parlamentarische Linkefaymann steckt in einer gewaltigen Strategie- Krise. Seit dem "Ende der Geschichte" und dem Durchbruch des Neoliberalismus als  globale politische Leitideologie verschwindet der Gestaltungsrahmen der Politik im Allgemeinen und der gesellschaftspolitische Veränderungsanspruch der Sozialdemokratie im Speziellen, zusehends. Sachzwänge und Naturgesetze bestimmen den Diskurs, programmatische Unterschiede zwischen Rot und Schwarz lassen sich kaum mehr feststellen, beide großen Lager haben keine Antworten auf die Probleme der Postmoderne. Alternativen zum kapitalistischen Modell sind sowieso nicht mehr gefragt, weil ja unrealistisch. Das subjektive europäische Gefühl der 60er und 70er, dass alles irgendwie mal langsamer, mal schneller besser wird, ist einem aussichtslosen Abwehrkampf um die durchgesetzten Errungenschaften gewichen. Wer die politisch- ökonomische Ordnung grundsätzlicher hinterfragt ist ein gefährlicher Populist, oder bestenfalls ein idealistischer Träumer. Den Status Quo verwalten die Konservativen naturgemäß effizienter, schlauer und professioneller. Wozu gibts also die SPÖ noch? Wo sind die progressiven Ideen, wo der Gestaltungs- und Veränderungsanspruch der Linken?

wickie ideeVielleicht kann ein gutes Buch den einen oder anderen Funktionär im Urlaub wieder zum Träumen bringen, an die eigene "wilde Jugend" erinnern und Kreativität und Utopien in die Ära der Resignation zurückbringen.

 

Thomas Morus bietet sich dafür an. Er hat vor bald 500 Jahren den Begriff der Utopie aufgebracht. Der englische Staatsmann (1478-1535) war mit Erasmus von Rotterdam befreundet und ein enger Weggefährte Heinrichs VIII. In seiner politischen Laufbahn brachte er es bis zum Lordkanzler. Berühmt wurde er durch seinen Roman "Utopia", in dem er angelehnt an Platons "idealen Staat" ein Gesellschaftsmodell entwirft, das sich gravierend vom England des 16. Jahrhunderts unterscheidet. Der erste Teil des Buches kritisiert die Zustände auf der Insel, die gerade den Segen der kapitalistischen Produktionsweise entdeckt hatte, was zu immensen Verwerfungen innerhalb der englischen Gesellschaft führte. Andererseits übte er Kritik an der despotischen Herrschaft der königlichen Dynastie.

Im zweiten Teil seines Werkes beschreibt Thomasthomas morus Morus die Eindrücke eines Seemannes, der die weit entfernte Insel Utopia besucht und dort auf eine völlig andere Form des menschlichen Zusammenlebens trifft. Utopia besteht aus mehreren Stadtstaaten, die in einer säkularen Republik zusammengefasst sind und von einem gewählten Präsidenten verwaltet werden. Jeder Stadt steht ein ebenfalls gewählter Senat vor, wichtige Entscheidungen werden mittels Volksabstimmung (ob Gusi Utopia erst kürzlich studiert hat, weiss ich nicht) gefällt. Mehrere Familien leben in Verbänden zusammen, haben gemeinsame Küchen. Es gibt kein Privateigentum, jede(r) BürgerIn hat Anspruch auf die Waren, die benötigt werden. Geld gibt es auch keines, dafür aber einen Arbeitszwang, 6 Stunden täglich muss geschuftet werden, welcher Beruf ausgeübt wird, können die Menschen selbst entscheiden. Die Felder rund um die Stadt werden gemeinschaftlich turnusmäßig bewirtschaftet. utopiaHoher Wert wird auf Bildung gelegt, es gibt eine allgemeine Schulpflicht, künstlerisch und wissenschaftlich Begabte werden speziell gefördert. Wichtigstes Freizeitvergnügen der Utopier ist das Teilnehmen an öffentlichen wissenschaftlichen Vorlesungen. Kranken- und Altersfürsorge wird von der Gemeinschaft getragen. Die Antwort auf demographische Probleme heisst Migration. Religiöse Toleranz ist selbstverständlich.

Mit Utopia begründete Morus die literarische Richtung des utopischen Romans. 1535 wurde der Vordenker von seinem ehemaligen Förderer Herinrich VIII. inhaftiert und hingerichtet. Ironischerweise nicht wegen seiner Gesellschaftskritik, sondern weil er sich bis zuletzt weigerte das von dem König (dem Begründer der anglikanischen Kirche) eingeführte Scheidungsrecht anzuerkennen. Der aufrechte Katholik und Luther- Gegner wurde somit eines der vielen Opfer des egozentrischen Monarchen, der ja bekanntlich auch einige seiner Frauen exekutieren ließ.

Den Volltext der Utopia gibts unter folgendem Link:

http://www.zeno.org/Philosophie/M/Morus,+Thomas/Utopia

utopia_brettspiel 


Das etwas andere Eva-Prinzip

12.07.2008 by socke, filed under Aufstand, Theorie

Eva HermanIm Sommer 2006 veröffentlichte die (bald darauf) ehemalige ARD- Tagesschausprecherin und journalistische Dumpfbacke Eva Herman ein vielzuvieldiskutiertes Buch über die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Sie plädiert in "Das Eva-Prinzip" für eine Rückkehr zu den klassischen Rollenverhältnissen, Frauen sollten ihr Glück in der Mutterschaft suchen und auf egoistische Alleingänge (gemeint sind Karriere und Unabhängigkeit) verzichten. Wirklich tragisch ist, dass ausgerechnet die biblische Eva für den Titel dieses reaktionären Werkes herhalten musste, da sie ja eigentlich der mythologische Ausgangspunkt für Subversion und damit Emanzipation ist.

Mein Blogger- Kollege Hans Hochhaus hat bereits im April von der subversiven Eva berichtet. Gerade für unsere vom institutionalisierten Christentum gebeutelte Gesellschaft eine wichtige Erkenntnis und Grund genug die Thematik noch etwas zu vertiefen.

In seiner Vorlesung "Subversive Theorie" im WS 1989/90 an der FU Berlin ging der Politikwissenschaftler Johannes Agnoli der Geschichte der Subversion nach und skizzierte diese von ihren Anfängen im "Paradies" bis zur Französischen Revolution.*

StinkefingerEmanzipation als Produkt und Folge der Subversion bedeutet für Agnoli vor allem die Subjektwerdung des Menschen. Sowohl in der christlichen, als auch in der griechischen Mythologie ist der Mensch Objekt des einen Gottes bzw. der olympischen Götterschaar. Er ist unwissend, manipulierbar, ein unbewusster pflanzlicher Gegenstand. Als solcher lebt es sich ganz gut im Paradies, ein bisschen wie im Freigehege, aber immerhin. Adam fühlt sich ausgesprochen wohl und hört nur auf die Stimme seines Schöpfers. Ausgerecht die doppelt abgeleitete/abhängige Eva (abgeleitet von Gott und dann auch noch geformt aus Adams Rippe) aber, gibt sich nicht mit diesem Urzustand zufrieden. Sie vollzieht als erste in unserer Mittelmeerkultur den Schritt vom Objekt zum Subjekt, vom unbewussten zum bewussten Menschen, vom Mythos zum Logos, vom Glauben zum Denken. Das alles indem sie der Stimme der Ratio und nicht der Stimme Gottes Gehör schenkt und sich gegen die göttliche Ordnung auflehnt. Laut dieser darf nur der Schöpfer wissen, was Gut und was Böse ist, der unwissende Mensch ist somit ganz auf ihn angewiesen, das Ordnungsprinzip ist das Verbot vom Baum der Erkenntnis zu essen.

girls kick assEva bricht mit der Fremdbestimmung und Abhängigkeit, weil sie den Rat der Schlange befolgt und herzhaft zulangt (obs ein Apfel war ist bis heute umstritten, in der Bibel steht nichts davon). Wie fast immer in der Geschichte reagiert auch Gott auf Subversion mit Repression und schmeisst den armen Adam und die aufmüpfige Eva aus seinem Kleingarten.

Warum hat sich das im Religionsunterricht ganz anders angehört? Warum ist Eva nicht cool, sondern diejenige, die Schuld daran hat, dass wir aus dem Paradies geflogen sind und uns mit Hunger, Arbeit, Krankheiten, Alter und Schlechtwetter herumplagen müssen?

Das Christentum war anfangs ein vielfältiges und buntes Sammelsurium an Sekten, Glaubensgemeinschaften und Denkschulen, die nach und nach mit Feuer und Schwert ausgerottet bzw. von der Institution der Kirche aufgesaugt wurden. SchlangeSo z.B. die Ophiten, die Gott als das Böse ansahen und die Schlange als Vertreterin Luzifers (ein zu Unrecht von Gott gestürzter Engel) positiv interpretierten. Hätten sie sich durchgesetzt würde die Geschichte wohl etwas anders gepredigt werden. Der emanzipatorische Charakter der neuen jüdischen Glaubensrichtung wurde aber spätestens als sie römische Staatsreligion wurde endgültig ins Gegenteil verkehrt und ad absurdum geführt.

Schade drum? Irgendwie schon..

 

 

* Agnoli, Johannes: Subversive Theorie. "Die Sache selbst" und ihre Geschichte. Eine Berliner Vorlesung; ca ira Verlag, Freiburg, 1999


Re:Das etwas andere Eva-Prinzip

Posted by cindy09 at 19.01.2010 06:38
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Das radikale Nähkränzchen...

30.05.2008 by gudrun_tieraerztin, filed under Erfindung, Aktion, Theorie

... ist ab jetzt im Blog zu finden (war anfangs auf der Startseite):

Ein neues Strickmuster (erstellt mit knitPro) ist eingetroffen und für alle "FreundInnen der Subversiv Messe" als Download mit Strickanleitung bereitgestellt! Hier gehts zur Anmeldung als FreundIn!

fuco

 


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