Theorie
New York, Helsinki und die Kultur der zerbrochenen Scheiben
Graffiti gehört zu jeder "richtigen" Stadt, ist aus der urbanen Kultur nicht wegzudenken. Versuche diese Form der (Sub)Kultur mit repressiven Maßnahmen zu unterbinden gibt es seit die erste Wand (in Harlem?) angeschmiert wurde. Rudi Giuliani, Ex- Bürgermeister von New York
und einer der 9-11 Helden ist leidenschaftlicher Verfechter der "broken window- Theorie", ein leider nicht völlig absurder Ansatz zur Kriminalitätsbekämpfung. Sie geht davon aus, dass die konsequente Verfolgung von Kleinstdelikten schwere Verbrechen verhindert. Wird ein zerbrochenes Fenster nicht sofort repariert, senkt es die Hemmschwelle für Bösewichte, noch mehr Scheiben einzuschlagen. Selbiges gilt für Graffiti. Einbrüche usw. sind die Folge. Wer eine Gegend
also verkommen läßt, schafft Kriminalität. So weit die Theorie. Guiliani überzog den Big Apple nach seinem Amtsantritt 1994 mit einer noch nie dagewesenen Law&Order-Politik. Die Statistik und vor allem das subjektive Sicherheitsgefühl der New Yorker scheinen seinen Ansatz zu bestätigen. Vor allem die Horrorzahlen der Mordstatistik konnten drastisch gesenkt werden. Repression als Prävention setzte sich nach und nach auch in anderen amerikanischen Großstädten durch. Die finnische Hauptstadt Helsinki ging einen ähnlichen Weg. Vor allem dem Sprayen wurde der Kampf angesagt-bis vor kurzem. Keine Ahnung, wie viele Menschen in der Hafenstadt ermordet werden, mit Kunst hat das anscheinend nichts zu tun, denn Helsinki
änderte seine Politik. Seit wenigen Tagen gilt Graffiti als Teil der Stadtkultur, wird gefördert und anerkannt (sofern die Besitzer damit einverstanden sind). Böse Zungen behaupten, dass dies vor allem daran liegt, dass der Stadt das Geld für die sofortige Entfernung der Kunstwerke ausging und die Entscheidung wohl eher pragmatische Gründe hat. Trotzdem ist Helsinki vielleicht Trendsetter. Der Repressions-Hype könnte sich langsam überholt haben, mal sehen, welche Stadt die nächste ist. Ich geh mal davon aus, dass sich diese nicht in Österreich findet.
ein euro fünfzig
die letzten wochen zeichneten sich durch eine schreckliche desolidarisierung aus. während regierungen rund um die uhr arbeiteen und sich um die rettung des okonomischen flows bemühten, lehnen sich die bevölkerungen zurück und legen ihr erspartes auf sparbücher.
nach einem kassasturz möchte ich diese passivität nun durchbrechen und zu einer bieterInnengemeinschaft zum ankauf der aua aufzurufen. ich steig mit einem euro fünfzig ein.
angebote bitte hier deponieren, vielleicht können wir nach linz schon mit sub-air fliegen oder dort jumbo-mäßig übernachten. bitte nur ernstgemeinte angebote!
Kulturpolitik – Zukunft ohne Gegenwart
Die illustre Runde der Gäste:
- Wolfgang Zinggl (Kultursprecher der Grünen im Nationalrat)
- Christian Denkmair (Landesgeschäftsführer der SPÖ Oberösterreich)
- Erich Watzl (Vizebürgermeister und Kulturreferent der Stadt Linz)
- Betty Wimmer (Vorsitzende KUPF - Kulturplattform OÖ)
Abb1.: Wimmer, Zinggl, Wassermair, Watzl, Denkmair
Zweck der Diskussion war wohl Thematisierung von Kulturpolitik anlässlich eines unpolitischen Wahlkampfes, Anlass das Erscheinen des Buches „Kampfzonen in Kultur & Medien“, herausgegeben vom Moderator Wassermair. Das Ziel: grundsätzliches in der Kulturpolitik zu diskutieren, ideologische und pragmatische Scheuklappen beiseite zu schieben, PolitikerInnen zu konkreten Aussagen zu zwingen und die Positionen der freien Szene in den Köpfen der PolitikerInnen und der Öffentlichkeit zu verankern. Kulturpolitik als solche zu erkennen und zu bearbeiten. Oder, ganz im Sinne der KUPF: das Feld des sogenannten Realpolitischen nicht den RealpolitikerInnen zu überlassen und das politische Feld als solches zu Beackern.
Das konkrete Ergebnis erinnerte leider an die derzeit stattfindenden Wahlkampfkonfrontationen im Öffentlich-Rechtlichen. Die drei Politiker (zwei davon aus Bundesregierungsparteien, der dritte immerhin aus einer Landesregierungspartei) redeten viel und sagten wenig. Wolfgang Zinggl versuchte wenigstens in die Tiefe der Sache vorzudringen, Watzl und Denkmair zogen statt Kaninchen nur Binsenweisheiten aus dem Ärmel. Der Moderator sprach viel über sein Buch, schien aber mehr sich selbst hören zu wollen als auf die Argumentationen der Gäste einzugehen. Und weder der KUPF-Vertreterin am Podium noch den zahlreichen Szene-AktivistInnen im Publikum gelang es, den (Un-)Kommunikationsprofis etwas entgegen zu halten. Die zarten Versuche, anstatt einer Budgetdebatte eine über Förderstandards, Arbeitsbedingungen oder gesellschaftliche Funktionen der Kulturarbeit anzustiften, verhallten ungehört. Die unterschiedlichen Positionen der Parteien wurden kaum ausdifferenziert, und nach 2 Stunden schienen alle froh zu sein, dass es endlich vorbei war.
Das Gegenteil von gut ist immer noch gut gemeint. Inhaltliche Debatten, losgelöst von dem Mühen der Ebene, scheinen in Zeiten der medialen Politinszenierungen und Quotenprostitution kaum möglich. Formate wie eine Podiumsdiskussion scheitern schnell am Anspruch einer gewissen Klub2-Romantik. Konkrete Fragen hätten vielleicht bessere Antworten der Podiumsgäste erzwungen, abzuarbeitende Themenkataloge vielleicht einen roten Faden erkennbar gemacht. Vielleicht aber auch nicht. Aber so war's einfach nur langweilig. Schad' drum.
Links:
Die Fratze des Bösen
Eine liebe Freundin zeigte sich bei der Filmbesprechung erstaunt über die sympathisch wirkenden PLO- Aktivisten, die die Bombe unter ihrem Bett scheinbar gar nicht verdient hätten. Ganz "normale" Männer, höflich, umgänglich, Familienväter - genau wie die israelischen Agenten auch. Da stellt sich die Frage: gibt es das Böse überhaupt? Die Dichotomie zwischen Gut und Böse bedient eine ureigene menschliche Sehnsucht nach Sicherheit, nach Klarheit. Gott ist gut, der Teufel böse. Dazwischen gibt's nichts, kein Platz für Schattierungen, Graustufen und differenzierte Sichtweisen. Wie einfach wäre das Leben, wenn diese christliche Schwarzweiß- Sicht funktionieren würde. Die einzige Herausforderung für die "Guten" bestünde dann darin, das Böse oder die Bösen zu erkennen und dann zu bekämpfen, zu verachten, nicht zu grüßen, aus der Partei auszuschließen oder im Bedarfsfall auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. Als Kinder werden wir in dieser gefährlich- naiven Weltsicht sozialisiert. Das Erwachsenwerden konfrontiert uns dann immer öfter mit der grauen Realität. Klar hat der Mann Böses getan, aber warum? Weil er böse ist? Weil sein Vater schon böse zu ihm war? Gibt es etwa gute Gründe böse zu sein und ist das dann überhaupt noch böse? Jemanden zu töten ist eigentlich ein böser Akt. Hitler zu töten wäre eine Heldentat gewesen.
Die Aufklärung hat das dichotome Bild etwas relativiert, zumindest der Bildungselite ist klar, dass Gut und Böse keine Zustandsbeschreibungen und schon gar keine Wesensdefinitionen sind, sondern, den individuellen Handlungsspielraum der Menschen beschreiben. Geht es nach Karl Jaspers ist nicht das Ergebnis einer Handlung entscheidend für deren moralische Kategorisierung, sondern das Motiv, der Antrieb und die Mittel. Wer also aus niederen, triebhaften Motiven handelt, handelt böse, egal was dabei rauskommt. Umgekehrt spielen die oftmals verheerenden Konsequenzen von "gut gemeinten" Aktionen keine Rolle für deren Bewertung.
Rupert Neudeck ist so ein guter Mensch. So sieht er sich wohl selbst und auch Jaspers würde ihm dies bescheinigen. Mit seiner Hilfsorganisation Cap Anamur sammelt der zweifellos sympathische Aktivist Geld, um im Sudan Sklaven freizukaufen (Ja, Sklaverei gibt's noch und ein Ende ist nicht abzusehen). Für die einzelnen freigekauften Individuen bedeutet das die Rettung, sie werden wieder in ihre Dörfer zurückgebracht. Für das Problem der Sklaverei im Sudan insgesamt sind die Folgen derartiger Aktionen fatal, denn schon bald bildete sich ein regelrechtes Geschäftsdreieck heraus. Die NGOs sammeln Geld und bezahlen für die Ware Mensch, Zwischenhändler streifen einen guten Teil der Spenden ein und professionelle Menschenfänger sorgen für genug Nachschub. Die gut gemeinte Aktion führte zu einem dramatischen Anstieg der Verschleppungen, das Problem wurde verschärft, anstatt gemildert. Böse, oder nicht?
Buchtipp für SozialdemokratInnen im Sommerloch
Warum eigentlich noch sozialdemokratisch wählen?
Nicht nur das Stimmvieh stellt sich immer häufiger diese Frage, es wird auch FunktionärInnen geben, denen die Antwort immer schwerer fällt. Die europäische parlamentarische Linke steckt in einer gewaltigen Strategie- Krise. Seit dem "Ende der Geschichte" und dem Durchbruch des Neoliberalismus als globale politische Leitideologie verschwindet der Gestaltungsrahmen der Politik im Allgemeinen und der gesellschaftspolitische Veränderungsanspruch der Sozialdemokratie im Speziellen, zusehends. Sachzwänge und Naturgesetze bestimmen den Diskurs, programmatische Unterschiede zwischen Rot und Schwarz lassen sich kaum mehr feststellen, beide großen Lager haben keine Antworten auf die Probleme der Postmoderne. Alternativen zum kapitalistischen Modell sind sowieso nicht mehr gefragt, weil ja unrealistisch. Das subjektive europäische Gefühl der 60er und 70er, dass alles irgendwie mal langsamer, mal schneller besser wird, ist einem aussichtslosen Abwehrkampf um die durchgesetzten Errungenschaften gewichen. Wer die politisch- ökonomische Ordnung grundsätzlicher hinterfragt ist ein gefährlicher Populist, oder bestenfalls ein idealistischer Träumer. Den Status Quo verwalten die Konservativen naturgemäß effizienter, schlauer und professioneller. Wozu gibts also die SPÖ noch? Wo sind die progressiven Ideen, wo der Gestaltungs- und Veränderungsanspruch der Linken?
Vielleicht kann ein gutes Buch den einen oder anderen Funktionär im Urlaub wieder zum Träumen bringen, an die eigene "wilde Jugend" erinnern und Kreativität und Utopien in die Ära der Resignation zurückbringen.
Thomas Morus bietet sich dafür an. Er hat vor bald 500 Jahren den Begriff der Utopie aufgebracht. Der englische Staatsmann (1478-1535) war mit Erasmus von Rotterdam befreundet und ein enger Weggefährte Heinrichs VIII. In seiner politischen Laufbahn brachte er es bis zum Lordkanzler. Berühmt wurde er durch seinen Roman "Utopia", in dem er angelehnt an Platons "idealen Staat" ein Gesellschaftsmodell entwirft, das sich gravierend vom England des 16. Jahrhunderts unterscheidet. Der erste Teil des Buches kritisiert die Zustände auf der Insel, die gerade den Segen der kapitalistischen Produktionsweise entdeckt hatte, was zu immensen Verwerfungen innerhalb der englischen Gesellschaft führte. Andererseits übte er Kritik an der despotischen Herrschaft der königlichen Dynastie.
Im zweiten Teil seines Werkes beschreibt Thomas Morus die Eindrücke eines Seemannes, der die weit entfernte Insel Utopia besucht und dort auf eine völlig andere Form des menschlichen Zusammenlebens trifft. Utopia besteht aus mehreren Stadtstaaten, die in einer säkularen Republik zusammengefasst sind und von einem gewählten Präsidenten verwaltet werden. Jeder Stadt steht ein ebenfalls gewählter Senat vor, wichtige Entscheidungen werden mittels Volksabstimmung (ob Gusi Utopia erst kürzlich studiert hat, weiss ich nicht) gefällt. Mehrere Familien leben in Verbänden zusammen, haben gemeinsame Küchen. Es gibt kein Privateigentum, jede(r) BürgerIn hat Anspruch auf die Waren, die benötigt werden. Geld gibt es auch keines, dafür aber einen Arbeitszwang, 6 Stunden täglich muss geschuftet werden, welcher Beruf ausgeübt wird, können die Menschen selbst entscheiden. Die Felder rund um die Stadt werden gemeinschaftlich turnusmäßig bewirtschaftet.
Hoher Wert wird auf Bildung gelegt, es gibt eine allgemeine Schulpflicht, künstlerisch und wissenschaftlich Begabte werden speziell gefördert. Wichtigstes Freizeitvergnügen der Utopier ist das Teilnehmen an öffentlichen wissenschaftlichen Vorlesungen. Kranken- und Altersfürsorge wird von der Gemeinschaft getragen. Die Antwort auf demographische Probleme heisst Migration. Religiöse Toleranz ist selbstverständlich.
Mit Utopia begründete Morus die literarische Richtung des utopischen Romans. 1535 wurde der Vordenker von seinem ehemaligen Förderer Herinrich VIII. inhaftiert und hingerichtet. Ironischerweise nicht wegen seiner Gesellschaftskritik, sondern weil er sich bis zuletzt weigerte das von dem König (dem Begründer der anglikanischen Kirche) eingeführte Scheidungsrecht anzuerkennen. Der aufrechte Katholik und Luther- Gegner wurde somit eines der vielen Opfer des egozentrischen Monarchen, der ja bekanntlich auch einige seiner Frauen exekutieren ließ.
Den Volltext der Utopia gibts unter folgendem Link:
http://www.zeno.org/Philosophie/M/Morus,+Thomas/Utopia
Das etwas andere Eva-Prinzip
Im Sommer 2006 veröffentlichte die (bald darauf) ehemalige ARD- Tagesschausprecherin und journalistische Dumpfbacke Eva Herman ein vielzuvieldiskutiertes Buch über die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Sie plädiert in "Das Eva-Prinzip" für eine Rückkehr zu den klassischen Rollenverhältnissen, Frauen sollten ihr Glück in der Mutterschaft suchen und auf egoistische Alleingänge (gemeint sind Karriere und Unabhängigkeit) verzichten. Wirklich tragisch ist, dass ausgerechnet die biblische Eva für den Titel dieses reaktionären Werkes herhalten musste, da sie ja eigentlich der mythologische Ausgangspunkt für Subversion und damit Emanzipation ist.
Mein Blogger- Kollege Hans Hochhaus hat bereits im April von der subversiven Eva berichtet. Gerade für unsere vom institutionalisierten Christentum gebeutelte Gesellschaft eine wichtige Erkenntnis und Grund genug die Thematik noch etwas zu vertiefen.
In seiner Vorlesung "Subversive Theorie" im WS 1989/90 an der FU Berlin ging der Politikwissenschaftler Johannes Agnoli der Geschichte der Subversion nach und skizzierte diese von ihren Anfängen im "Paradies" bis zur Französischen Revolution.*
Emanzipation als Produkt und Folge der Subversion bedeutet für Agnoli vor allem die Subjektwerdung des Menschen. Sowohl in der christlichen, als auch in der griechischen Mythologie ist der Mensch Objekt des einen Gottes bzw. der olympischen Götterschaar. Er ist unwissend, manipulierbar, ein unbewusster pflanzlicher Gegenstand. Als solcher lebt es sich ganz gut im Paradies, ein bisschen wie im Freigehege, aber immerhin. Adam fühlt sich ausgesprochen wohl und hört nur auf die Stimme seines Schöpfers. Ausgerecht die doppelt abgeleitete/abhängige Eva (abgeleitet von Gott und dann auch noch geformt aus Adams Rippe) aber, gibt sich nicht mit diesem Urzustand zufrieden. Sie vollzieht als erste in unserer Mittelmeerkultur den Schritt vom Objekt zum Subjekt, vom unbewussten zum bewussten Menschen, vom Mythos zum Logos, vom Glauben zum Denken. Das alles indem sie der Stimme der Ratio und nicht der Stimme Gottes Gehör schenkt und sich gegen die göttliche Ordnung auflehnt. Laut dieser darf nur der Schöpfer wissen, was Gut und was Böse ist, der unwissende Mensch ist somit ganz auf ihn angewiesen, das Ordnungsprinzip ist das Verbot vom Baum der Erkenntnis zu essen.
Eva bricht mit der Fremdbestimmung und Abhängigkeit, weil sie den Rat der Schlange befolgt und herzhaft zulangt (obs ein Apfel war ist bis heute umstritten, in der Bibel steht nichts davon). Wie fast immer in der Geschichte reagiert auch Gott auf Subversion mit Repression und schmeisst den armen Adam und die aufmüpfige Eva aus seinem Kleingarten.
Warum hat sich das im Religionsunterricht ganz anders angehört? Warum ist Eva nicht cool, sondern diejenige, die Schuld daran hat, dass wir aus dem Paradies geflogen sind und uns mit Hunger, Arbeit, Krankheiten, Alter und Schlechtwetter herumplagen müssen?
Das Christentum war anfangs ein vielfältiges und buntes Sammelsurium an Sekten, Glaubensgemeinschaften und Denkschulen, die nach und nach mit Feuer und Schwert ausgerottet bzw. von der Institution der Kirche aufgesaugt wurden. So z.B. die Ophiten, die Gott als das Böse ansahen und die Schlange als Vertreterin Luzifers (ein zu Unrecht von Gott gestürzter Engel) positiv interpretierten. Hätten sie sich durchgesetzt würde die Geschichte wohl etwas anders gepredigt werden. Der emanzipatorische Charakter der neuen jüdischen Glaubensrichtung wurde aber spätestens als sie römische Staatsreligion wurde endgültig ins Gegenteil verkehrt und ad absurdum geführt.
Schade drum? Irgendwie schon..
* Agnoli, Johannes: Subversive Theorie. "Die Sache selbst" und ihre Geschichte. Eine Berliner Vorlesung; ca ira Verlag, Freiburg, 1999
Das radikale Nähkränzchen...
... ist ab jetzt im Blog zu finden (war anfangs auf der Startseite):
Ein neues Strickmuster (erstellt mit knitPro) ist eingetroffen und für alle "FreundInnen der Subversiv Messe" als Download mit Strickanleitung bereitgestellt! Hier gehts zur Anmeldung als FreundIn!
Was ist eigentlich «radical chic»
Wie schwarze Revolutionäre zu Kulturhelden der «beautiful people» wurden.
Im Feuilleton muss der Begriff «radical chic» schon seit längerem für die unterschiedlichsten Themenbereiche herhalten:
das Verschwinden linker Symbolik im «Radical Chic» wird reklamiert (von Maike Dimar | © taz 19.07.2003); die RAF, eine «virile Desperado-Gang», wird zum «radical chic» erklärt (von Markus Götting | © Stern, Artikel vom 04. Mai 2007); die Marktkompatibilität sexueller Abweichung heißt auch «radical chic» (von Andrea Roedig | „Freitag 26“, 22.06.2001) und nicht zuletzt ist der «Radical Chic» Aufhänger einer Geschichte über die Hassliebe zwischen Modeindustrie und der Antimodebewegung (von Diedrich Diedrichsen | © DIE ZEIT 04.09.2003 Nr.37).
Aber woher kommt dieser Begriff und was ist seine ursprüngliche Bedeutung? Die Geschichte startet in New York, um 1970 und ist übrigens im Buch «Radical Chic und MauMau bei der Wohlfahrtsbehöde» von Tom Wolfe (erschienen beim Philo Verlag Berlin) nachzulesen.
Um 1970 war es in New York Mode geworden, dass die sog. Spitzen der Gesellschaft, also intellektuelle Liberale, Größen der Kultur-Schickeria, «Socialites», karitative Park Avenue-Damen und «Culturatis» Partys organisierten, auf denen Geld für die Strafverteidigung von Black Panther Mitgliedern aufgetrieben werden sollte. Eine der ersten GastgeberInnen dieser sog. «Radical Chic - Partys» war die von der Idee beseelte Gattin von Leonard «Lenny» Bernstein, Felicia Bernstein.
Der Effekt dieser Party war jedoch nicht wie erwartet. Einerseits wurde das Auftauchen der Black Panthers als romantische Lieblinge des politisch-kulturellen Jet-Sets als Affront gegen die Mehrheit der schwarzen AmerikanerInnen angesehen. (So titelte die New York Times Tags darauf: «Falscher Ton mit Black Panthers» Und weiter «Elegantes Slum-Mitgefühl…schmähte das Andenken Martin Luther Kings… Black Panthers auf einem Park Avenue-Postament»). Und andererseits haben Lenny (der selbst Jude war) und Felicia die komplexe Angelegenheit der jüngsten Schwierigkeiten zwischen Schwarzen und Juden nicht erkannt oder unterschätzt. In den 60er Jahren schienen Juden und Schwarze als unterdrückte Minderheiten noch Bundesgenossen zu sein. Doch spätestens nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 war klar, dass die Schwarzen für die PalästinenserInnen Partei ergreifen. Antisemitismus und Antizionismus waren/sind vor allem bei der Nation of Islam, aus denen die Black Panther hervorgingen, wesentliche ideologische Fragmente. Doppelt schlecht gelaufen für Lenny, der es doch gut gemeint hat.
Zurück zur Wortschöpfung «radical chic» von Wolfes: sie bezeichnet also eine Mode der beautifttl people New Yorks, die die Armenhilfe als Quelle der Publicity und die Bekanntschaft und Beschäftigung mit streitbaren Revolutionären als besonders prickelnden Reiz für ihre Partys entdeckten. Im Grunde ging es allein um die «köstlichen Agonien» und die «leckersten Klassenwidersprüche und Unvereinbarkeiten» dieser Mode und darum, ein wenig am Dunstkreis der schwarzen Gettos zu schnuppern.
aha
Klassik
Kunst und politisch motiviertes Engagement als die klassischen Felder subversiver Praktiken werden hier wohl immer wieder im Vordergrund stehen. Prinzipiell bin ich aber auch für die Darstellung niederschwelligerer Projekte und Aktionen, ohne jedoch diesen Blog zur Kuriositätensammlung werden zu lassen.
Soweit der Anspruch.
Und jetzt gleich die Brechung, indem ich meine Beiträge an diesem Ort mit Subversionshistorie beginne.
Zwei unterschiedliche Klassiker:
Das "Handbuch der Kommunikationsguerilla" , selbst sowohl Meilenstein als auch Grundlage subversiven Wissens bzw. subersiver ""Theorie"", leitet mit dem schönen Beispiel von Karl Marx und der Veröffentlichung des "Kapitals" ein. Das liest sich dann folgendermaßen:
"[...] Als Karl Marx im Jahre 1859 sein Werk 'Zur Kritik der Politischen Ökonomie' veröffentlichte, wurde es von den führenden deutschen Nationalökonomen schlicht ignoriert. Um dem 'Kapital' dasselbe Schicksal zu ersparen, organisieren Friedrich Engels und andere sofort nach Erscheinen des Buchs die Veröffentlichung von erfundenen Rezensionen und Kommentaren in verschiedenen Presseerzeugnissen. Um die 'bürgerliche Verschwörung' des Schweigens' zu durchbrechen, lancierte Engels unter falschem Namen regelrechte Verrisse des 'Kapitals' in der bürgerlichen Presse und zwang damit die Nationalökonomen zu einer Stellungnahme. Bis Juli 1868 erschienen mindestens 15 erfundene Rezensionen in bürgerlichen Zeitungen. Schon Marx und Engels lehren uns also, daß es manchmal nicht entscheidend ist, welchen Inhalt eine Berichterstattung hat, sondern eher, daß sie überhaupt stattfindet."
Das bürgerliche Zeitungs- und Meinungssystem kennen und für die eigenen Zwecke funktionieren zu lassen. Subversiv oder jenseits der Grenze zur Affirmation?
Re:New York, Helsinki und die Kultur der zerbrochenen Scheiben
Die ersten Graffiti gab's vermutlich vor dem Homo Sapiens (aka "Höhlenmalerei"). Graffiti im modernen Sinn gibt spätestens seit den alten Ägyptern, besonders berühmt sind die antiken Graffiti aus Rom und vor allem Pompeii.
Mehr Infos: http://en.wikipedia.org/wiki/Graffiti#History