Untergraben
Deprohibition #1: das liberale Argument
Eines der nobelsten Themen im Kampf um Befreiung und Emanzipation ist zweifelsohne der Kampf gegen die Prohibition. Oder wäre es zumindest. Wenn die Welt nicht zugegeben noch etliche schlimmere Dinge auf Lager hätte (Festung Europa oder Irakkrieg zum Beispiel; vielleicht auch Ewald Stadler). Aber dennoch: die willkürliche Kriminalisierung von bestimmten Substanzen und der freie Verkauf von gewissen anderen Substanzen stehen im krassen Widerspruch zu modernen Konzepten wie „Wissenschaftlichkeit“, „Fairness“ oder ganz einfach Cleverness.
Besonders krass ist das Beispiel
Cannabis. Ich will jetzt nicht eine Pflanze in den blauen Himmel
loben, prinzipiell jedoch ist Gras eine richtig geile Sache. Aber:
MarihuanakäuferInnen bekommen Ärger mit dem Prohibitionsregime im
Gewande des Rechtsstaates. Menschen, die sich hingegen ungleich
derbere Rauschmittel reinhauen wollen, zB. eine Flasche
Billigfuselwodka vom Hofer, müssen halt älter als 16 ausschauen und
die Sache ist gebongt. Dabei wird kaum jemand abstreiten, dass eine
Flasche Wodka für 8 Euro ungleich verhängnisvoller ist als eine
Gramm Gras für 8 Euro.
Die Wurzeln für diese juristische
Unterscheidung sind vorwiegend historisch: Alkohol ist ein seit
Jahrhunderten in Europa gebräuchliches Rauschgift, dessen
Illegalisierung (wenn sich das irgendwer blöderweise wünschen
würde) politisch, sozial und ökonomisch nicht durchsetzbar wäre.
Das sagt nicht nur der Hausverstand, sondern auch die Geschichte: vor
allem in den USA versuchten puritanische Bewegungen mehrmals mit
bescheidenem Erfolg landesweite Alkoholverbote durchzusetzen. Die
Gründe für die Illegalisierung von Marihuana in Europa sind
vielschichtig: neben der fehlenden Cannabisrauschtradition
hierzulande war es nicht zuletzt die Kunststoffindustrie, die von den
USA ausgehend (Nutz-)Hanf diskreditierte und dessen auch in Europa
reichhaltige Verbreitung stoppte. In Folge reichte eine Bösartigkeit
der anderen die Hand: rassistische Argumente gegen die „Negro“-Droge,
Vorurteile gegen Rausch an sich, Xenophobie, Hippiehatz, ökonomisches
Lobbying, Sündenbockfunktion, Schneeballeffekte, ... Spätestens mit
dem von Nixon ausgerufenen War On Drugs (der tatsächlich mehr mit
den innen- sowie vor allem außenpolitischen Interessen der USA
zusammenhängt als mit der Bekämpfung von Drogen) waren die Schienen
in der (nicht nur) westlichen Welt endgültig gestellt: Kiffen ist
illegal.
Marihuana und Haschisch sollen hier nicht verharmlost werden: vor allem die Verbrennung des Rauschgiftes Marihuana/Haschisch beim Rauchen kann Langzeitschäden hervorrufen, im schlimmsten Fall auch Karziome in den Atemwegen (wie beim Zigarettentabak). Zudem können vor allem labile oder junge KonsumentInnen schnell psychische Abhängigkeiten entwickeln, die wie jede Sucht maßgeblich den Alltag dieser Menschen determinieren und damit erschweren. Im schlimmsten Fall können sogar vorhandene psychische Krankheiten zum Druchbruch kommen oder verstärkt werden.
Aber lassen wir uns doch Klartext
reden: ich bin ein erwachsener Mensch, und ich bin
verantwortungsfähig genug, darüber zu entscheiden, wie weit ich
meine Gesundheit riskieren möchte. Und die Risiken von Cannabis sind
kalkulierbar, vor allem im Vergleich mit anderen Rauschmitteln
unserer Gesellschaft (Alkohol, Tabak, Pharmazeutika, Koffein). Ich
bin ein Kind der Moderne, und ich kann die Risiken vom Skifahren,
Tropenreisen, Überholmanövern und Kiffen gut einschätzen und sie
selbst verantworten. Zumal ich beim Kiffen - im Gegensatz zum
Skifahren und Überholen - keine Mitmenschen gefährde. Ich bin fähig
und willens, selbst über meinen Körper zu entscheiden („Meine
Lunge gehört mir!“), ich bin ausgestattet mit Souveränität über
mein Handeln, solange ich meine Umwelt nicht maßgeblich
beeinträchtige oder gefährde.
Die Konsequenzen daraus sind, auch wenn ich plötzlich erstaunlich liberal klingen mag, glasklar: Cannabisprodukte sofort legaliseren. Über die Implikationen und Einzelheiten (Regelungen gegen Gefährdung im Straßenverkehr, Abgabeschranken, Altersgrenzen) möge der Rechtsstaat entscheiden, über die Grundfrage aber nicht: das Recht auf Eigenverantwortung, auf Rausch, auf Selbstständigkeit. In einer Welt, die dem Menschen in sozialen und ökonomischen Belangen immer mehr Flexibilität und individuelle Verantwortung aufhalst, ist eine Cannabisprohibition ein schmerzhafter, ewiggestriger Anachronismus ohne wissenschaftliche oder gesellschaftliche Haltbarkeit.
Deprohibition #2 (Das ökonomische Argument) erscheint in Kürze. Oder zumindest in nicht all zu weiter Zukunft.
Weiterführende Links:
-
Die USA, der 4.November 2008 und warum die Welt nun tatsächlich ein besserer Ort ist
- War On Drugs
- Pro Jugendschutz (gescheiterte Schweizer Deprohibitionsinitiative)
die krise macht mir angst!
meine angst vor der krise wird immer größer!
ich wollte einen 50 euro schein
verkaufen und die sicherheit hat mich einfach gelöscht, erreichen kann
man dort niemand, ist das geld jetzt schon völlig wertlos? habe ich zu
hoch angesetzt? andererseits hat tulpe178 den schein verkaufen dürfen
und hat immerhin 46,50 euro dafür gekriegt. warum ist man ein
finanzgenie, wenn man/frau an der börse auf sinkende aktien spekuliert
und wenn man sein erspartes verkauft, wird man gelöscht?
ich verkauf jetzt noch meinen 20er,
vielleicht ist der nicht verboten! ich hoffe es! dann kann ich nachher
meinen 50er in 2 20er und einen 10er tauschen und auch verkaufen! ich
wär so froh, wenn das alles schon vorbei wäre!
ich hab angst.
bitte kauft mein geld! werdet glücklich damit!
ich kann es nicht mehr!
von den medien werd ich nur verarscht. das find ich echt gemein! (faz , news , diepresse ) vielleicht könnt ihr leserInnenbriefe schreiben. oder mitsteigern. oder ganz was anderes tun!
Wertkonservative Plattensammler, AC/DC und iTunes
Brian Johnson von AC/DC über den iTunes Music Store
Politische Kämpfe werden in einer (angeblich) immaterialisierten Gesellschaft, in der Zugang zu Dienstleistungen, Daten und Informationen zur zentralen Frage wird, verstärkt im Rahmen der bestehenden Produktionsmittel geführt. Ich spreche vom Kampf um offene Quellen, um die Freiheit von Software ("Free as in free speech, not as in free beer", Robert Stallman), um die Verwendung und Verwertung geistiger Produkte, letztendlich um die Freiheit und Fähigkeit zur Teilhabe an moderner Kommunikation. Dies mag angesichts wieder zunehmender „realer“ Verarmung auch in den Metropolen zynisch, vulgärmarxistisch oder nach Science Fiction klingen, sollte aber bewusst sein (weil das Sein immer noch das Bewusstsein bestimmt? Aber sicher!).
Nirgendwo äußert sich der Krieg um
digitale Freiheiten so schön wie im angeblichen Untergang der
„Musikindustrie“ (Hurra: schon der Begriff verschmilzt Adorno mit
dem Selbstverständnis eines Wirtschaftszweiges. Huxley hätte es
nicht besser gekonnt!). Erst das permanente Sudern und schließlich
die Klagewellen der Musikindustrie brachten den Diskurs in den
Mainstream und multiplizierten das „Problem“ fortlaufend:
selbstermächtigtes Aneignen von „geistigen Produkten“ wie Musik
durch User. Sogar die ProduzentInnen selbst führten schließlich den
Kampf (in welchen anderen Bereichen der Produktion passiert das heute
noch?): Metallica und Smodo empfinden Torrent & Co. als
Diebstahl, Radiohead als Befreiung.
Die nur halbherzige Antwort liefert(e)
vorübergehend ein Konzern: „Apple“, ursprünglich Produzent von
Yuppie-Hardware samt hardcore-proprietärer Software, erfand mit
iTunes das Musikgeschäft fast neu. Auch der musikalische Underground
(ProduzentInnen wie KonsumentInnen, die Unterteilung sei hier
erlaubt) feiert die Zerlegung des guten, alten Albums in
easy-consuming-Häppchen und den zu bezahlenden Download von
einzelnen Songs. Trotz und wegen der Einführung von DRM. Easy Consuming ist in Zeiten von individualisiertem
Konsumismus nachvollziehbar, aber bin ich wertkonservativ, wenn ich
die industrielle Dekonstruktion eines künstlerischen Konzeptes bzw.
Formates zum Kotzen finde, Hauptsache die Band kriegt ein paar
Netsch? Mir ist klar - auch das Album an sich ist Resultat
technischer Gegebenheiten: das Sein der vorhandenen Produktionsmittel
(LP, Single) bestimmte einst das Bewusstsein des Produzenten, in
solchen Rahmen zu denken und zu schaffen. Und die technologischen
Produktionsrahmen der Gegenwart entsprechen der möglichst
komprimierten
Einheiten und Einzelstücken. Und dennoch finde ich es
dead cool: AC/DC boykottieren mit ihrem neuen Album den iTunes Music
Store. Der unumgängliche digitale Vertrieb von „Black Ice“
findet nun ausschließlich über Kanäle statt, die das gesamte Album
als solches (kommerziell) anbieten. Vom Album an sich zum Album für
sich!
Das hat jetzt nichts mit Antikapitalismus zu tun, schon klar. Eher mit dem Selbstbewusstsein künstlerischen Produzierens. Und es hat politische Implikationen, wenn sich nicht nur die KonsumentInnen, sondern auch die ProduzentInnen gegenüber einer ehemals mächtigen Industrie selbst zur Handlung ermächtigen. War hätte gedacht, dass AC/DC auf ihre alten Tage tatsächlich noch derart rocken – und dabei habe ich noch keinen Ton des neuen Albums gehört.
Angus Young
Hallelujah
Ein neuer Höhepunkt der Daily Soap österreichischer Innenpolitik als Farce wurde definitiv am vergangenen Mittwoch, 03.09.08 mit dem Auftritt von Alfons Adam, seines Zeichens selbsternannter gottgesandter Spitzenkandidat der Kleinpartei „Die Christen“ (vgl. Kapitalismushygiene ) in der ZIB 2 erreicht.
Die Sehnsucht nach dichotomer Vereinfachung (vgl. Die Fratze des Bösen) liegt mir fern, doch drängt sich die Vermutung auf, dass dieser Herr ein direkter Abgesandter der Hölle ist (wo er sich wahrscheinlich besinnend auf seinen Namensvetter Adam, dem biblischen Ursprung des männlichen Geschlechts, zum Retter anachronistischer Männlichkeitsideale aufschwang).
Fassen wir die Fakten zusammen: Da wurde uns ein Herr präsentiert, der offensichtlich größte Mühe hatte, seine cholerische Ader vor der Kamera zu beherrschen.
Zunächst wurde den ZuseherInnen zugemutet, dass Rumpelstilzchen sich zur Frage der Straffreiheit des Schwangerschaftsabbruches positionieren darf. Offensichtlich ohne jegliche sachliche Qualifizierung – wie auch bei den übrigen Themen, aber das qualifiziert ja offenbar gerade für unsere Soap – fordern die Christen, Abtreibung unter Strafe zu stellen. Nun ist ja bekannt, dass die Strafbarkeit von Abtreibungen noch nie zu einem Anstieg der Geburtenraten, sondern maximal zu höherer Frauensterblichkeit geführt hat. Abtreibung gab und gibt es immer schon – die Zeiten, in denen diese von EngelmacherInnen oder selbst, z. Bsp. mit Stricknadeln vorgenommen wurden, sind noch gar nicht so lange vorbei.
Im Falle einer Vergewaltigung sei prinzipiell auch das ungeborene Leben zu schützen, man müsse jeden Einzelfall eben genauestens prüfen – und das kann Herrn AA zufolge ja wohl nur bedeuten …. prüfen, ob überhaupt eine Vergewaltigung vorliegt. Und ob die betroffene Frau nicht möglicherweise selbst daran schuld sein könnte. Was muss sie sich denn überhaupt allein, ohne Begleitschutz oder Öffentlichkeit mit Männern treffen oder überhaupt außerhalb des familiären Rahmens bewegen?
Hauptanliegen der Christen ist es nämlich, dass „die Österreicher wieder mehr Kinder bekommen“ und dass diese Kinder „gesund an Geist und Körper heranwachsen können“. Was aber nur möglich ist, wenn Mann und Frau ihre „natürlichen und gottgewollten“ Rollen übernehmen, so Alfons Adam. Daher sollen Kindergrippen geschlossen werden, weil
die Babies (und die Ehemänner) ihre Mammies (bzw. Ehefrauen) zu Hause brauchen. Und staatliche Familienleistungen sollte es dann auch nur für solche Familien geben – ein unglaubliches Sparpotential tut sich auf, denn wie wir wissen, wird in Österreich fast jede zweite Ehe geschieden. Und wenn wir Patchworkfamilien als unnatürlich und nicht gottgewollt betrachten, sollten sie auch keine Familienleistungen erhalten?
Selbstverständlich soll es keine Anerkennung, geschweige denn Ehe für Homosexuelle geben. Homosexualität ist ja „eine Krankheit“. Wissenschaftlich kann Herr Alfons Adam diese Aussage zwar nicht begründen (nona), aber er bietet gleich geifernd an, „einen Kontakt herzustellen“: Man möge doch einen ihm bekannten „geheilten Homosexuellen“ in die ZIB 2 einladen, der die Sache dann eindeutig klären könne. Bitte nicht.
Schließlich gibt er noch seine nach eigenen Angaben von der Paneuropabewegung inspirierten Vorstellungen über die Entwicklung der EU preis. Er sei ein vehementer Befürworter der europäischen Einigung, aber keinesfalls in der jetzigen Form, wo Gender Mainstreaming als Staatsideologie aufgezwungen werde. Vermutlich würde er eine inhaltliche Kehrtwende des Gender Mainstreaming vornehmen, so er denn könnte. Nach allem, was wir bisher wissen, könnte die von den Christlichen intendierte Definition in etwa lauten:
Gender Mainstreaming. Seit dem Mittelalter bewährte Praxis, wobei die Hexen eines Dorfes (Gender=“soziokulturelles Geschlecht“=Frevel an der gottgewollten und natürlichen Geschlechterordnung, der sowohl von Männern, als auch von Frauen betrieben werden kann) mit einem Mühlstein um den Hals in den Hauptfluss eines Dorfes oder einer Stadt (Mainstream) geworfen werden. In Österreich bot sich für das
Gender Mainstreaming seit jeher besonders die Donau an. Daraus entwickelten sich eigene lokale folkloristische Traditionen und Ausdrucksformen, z. Bsp. die Bezeichnung für die Mühlsteine im Wiener Raum: die Donauwalzer. Oder so.
Nach der unglaublichen Vorstellung in der ZIB 2 bleiben drängende Fragen offen:
Was passiert mit jenen, die trotz der gottgewollten natürlichen HERRlichkeitsordnung nicht gesund an Körper und Seele aufwachsen können?
Wie konnten „Die Christen“ es nur auf den Stimmzettel schaffen? Bieten FPÖ und BZÖ nicht mehr ausreichend Identifikationsfläche, um das heimische Idioten-, Ignoranten-, Faschisten- und Nationalsozialistenpotential aufzufangen?
Da es sich bei den Christen offenbar um eine österreichische Variante der international gefürchteten Fundamentalisten handelt – warum kommt hier nicht § 278a StGB, Bildung einer kriminellen Vereinigung zum Einsatz? Man könnte Herrn Alfons Adam doch zumindest bis nach der Wahl einsperren, sagen wir für 100 Tage?
Und schließlich, ganz egoistisch die Frage – wenn es zu einer
Koalition ÖVP und „Die Christen“ kommt – was werden die dann mit mir machen? Mich einsperren oder Gender Mainstreaming?
Schade, dass bei so viel Sprengstoff die Kommunisten völlig untergegangen sind. Mirko Mesner hat nur durch platte, zwar ideologisch korrekt kommunistische, aber leider doch nur populistische Forderungen und einen eklatanten Mangel an allem, was in die Nähe von konkret oder fundiert kommen könnte geglänzt. Leider auch bei der Begründung für das Nicht - Zustandekommen eines Linken Bündnisses. Es riecht nach Scharmützeln und Schrebergartenpolitik. Aus größeren und kleineren Zusammenhängen wohl bekannt. Ja, nicht nur die SPÖVP hat Koalitionsprobleme.
Die Idee der Sendung war spannend: Die Verteidiger von Gottes Willen und natürlicher Ordnung mit den Verfechtern von Religion als Opium fürs Volk zusammen zu bringen. Rausgekommen sind Vier Fäuste für ein Hallelujah. Danke Armin Wolf.
Profi am Werk
Wahlplakate zu verändern und mit etwas Kreativität deren Botschaften zu unterlaufen ist ja ein "traditioneller" Denksport in Vorwahlzeiten. Das untenstehende Beispiel zeugt aber von einer Professionalität die nur durch langjähriges eigenhändiges Plakatieren zu erreichen ist. Hut ab und tiefer Kniefall vor der UrheberIn - oder ist die subversive Tat bereits in der Logistik der Werbefirma passiert und nicht erst durch das Arbeitsproletariat (mit dem Kleisterpinsel in der Hand)?
Feuchtgebiete 3: Ein feministisches Buch?
Der „Rasurzwang“ (Roche) und ähnliche Lifestyle – ja/nein Debatten (z. Bsp. Brust OPs, Stöckelschuhe, …) sind auch andernorts zu beliebten Themen avanciert (vgl. auch Rubrik Haltungsnote in diestandard.at), die Polarisierung in lust- oder zwangvolle Anpassung an gängige Schönheitsideale oder die Rebellion dagegen wird gern zur Gretchenfrage einer sich selbstverständlich als locker begreifenden allgemeinen „feministischen Haltung“ stilisiert. In dieser moderaten Form bleibt Feminismus zwar auch in Klischees verhaftet, ist aber offensichtlich wieder salonfähig. Der gemeinsame Feind sind Normen, der Weisheit letzter Schluss ist immer das Credo individueller Freiheit, so auch bei Roche: „Ich möchte nur, dass Frauen die Wahl haben, den einen oder einen anderen Weg zu gehen.“ hier gehts zum link
Aber welche Wege das sein, und wie sie beschritten werden könnten, bleibt offen. Feuchtgebiete bringt zwar keine neuen feministischen Perspektiven, fängt aber auf unterhaltsame Weise einige grundlegende Stimmungen und Erfahrungen postmodernen „Frau-Seins“ ein. Es gibt genug Identitätsangebote, von denen man sich als Frau abgrenzen kann oder sollte – aber offenbar wenige, die einer Identifikation wert sind.
Vielfältige Arten des weiblichen Orgasmus zu kennen (wie von Helen ausführlich dargelegt), ein ausgefeiltes Vokabular für Sexualorgane und –praktiken zu haben oder provokante Kritik an Hygiene und Weiblichkeitsnormen sind erfrischend und erfreulich, aber noch keine politische Strategie zur Gleichstellung. Auch nicht, wenn sie zum selbstbestimmten Umgang mit dem eigenen Körper ermutigen sollen und das Selbstbewusstsein heben. Zudem ist die Freizügigkeit der Protagonistin nicht bruchlos selbstbestimmt, wenn sie sie als Mittel einsetzt, um Anerkennung und Zuwendung zu finden.
Nun sind es gerade diese Bruchstellen, die zwischen provokanter Abgrenzung zum Althergebrachten bzw. „Angebrachten“ und der Suche nach individuell vertretbaren Lösungen zum Ausdruck kommen, die Helen authentisch und sympathisch machen. Der Autorin kann durchaus auch aus Sicht der Leserin zugestimmt werden, wenn sie sagt: „Was Helen sich in dem Buch denkt, hat viel mit mir zu tun.“ hier gehts zum link
Obwohl Roches Interviews und Ausführungen zum Buch oft oberflächlich bleiben, definiert sie doch sehr klar und direkt, was Feminismus für sie bedeutet: „Konkret bedeutet das, dass meine Mutter mir beigebracht hat, dass die Welt frauenfeindlich ist und dass es noch viel zu tun gibt, bis Frauen dieselben Chancen haben wie Männer. Das hat auch etwas mit Zivilcourage zu tun: Wir müssen uns streiten.“ hier gehts zum link
Da hat sie recht – und dafür ist Selbstbewusstsein hilfreich und freche Schamlosigkeit wirklich oft heilsam. Und dazu kann man bzw. frau in Feuchtgebiete tatsächlich einiges lernen.
Feuchtgebiete 2: Praktische Emanzipation
Eine andere Frage, die die Diskussion um den Roman in den Raum stellt, ist jene nach seinem feministischen Gehalt. In dieser Hinsicht bleibt die Geschichte vage, ambivalent und lässt eine grundlegende Botschaft vermissen. Was prinzipiell ja dem Zeitgeist entspricht.
Die im Roman aufgegriffene Forderung nach Selbstbestimmung über den eigenen –weiblichen - Körper ist bekanntlich feministisch. Anatomische und sexuelle Selbsterforschung wie –erfahrung erlangten bereits vor knapp 40 Jahren Bedeutung in feministischem Diskurs und Praxis. Etwas später zeigte Nina Hagen auf legendäre Weise (Club 2) vor, wie Frauen erfolgreich zum Orgasmus kommen. Feuchtgebiete erweitert diese Tradition um etliche Sexualpraktiken, interessante Masturbationstechniken, ein beachtliches Vokabular („Perlenrüssel“, „Vanillekipferl“ usw.) und unglaubliche Alternativen zum Konsum diverser Hygieneartikel – die allerdings nicht unbedingt zum Nachahmen animieren. Dennoch keine Frage, der Bruch mit Tabus und Weiblichkeitsnormen ist auch heute relevant. Die Lockerheit, mit der sich die Lektüre „gegen Hygienehysterie und sterile Frauenzeitschriftästhetik“ sowie gegen den „standardisierten Umgang mit dem weiblichen Körper“ (Roche) wendet, wirkt stellenweise tatsächlich regelrecht befreiend. In dieser Hinsicht ist das Buch jedenfalls als Beitrag zur Emanzipation zu werten.
„Frauen haben nach der Lektüre meines Buches gesagt: Jetzt ist mir nichts mehr peinlich.“ (Roche)
Emanzipation vom Emanzentum?
Verstehen wir Feminismus aber als politische Bewegung mit dem Ziel der Gleichstellung von und Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen, reichen sexuelle Lust, selbstbewusste Provokation und trotziger Individualismus nicht mehr aus; es ist nicht zu vermuten, dass exzessiver Sex oder der Verzicht auf Körperhygiene zur Aufhebung der Einkommensschere führt, die Charlotte Roche im Spiegel Interview als Beleg für die noch nicht erreichte Gleichstellung anspricht. Roche selbst führt die Einkommensschere darauf zurück, dass Frauen erst lernen müssten, ihr Gehalt vernünftig zu verhandeln. hier gehts zum link
Die Abgrenzung zum „Schwarzer“ – Feminismus markiert Roche (auch im Spiegel Interview) über die Forderung nach lustvoller Freizügigkeit statt politisch korrektem Sexualverhalten. Klar, aber Alice Schwarzers Zeit als symbolisch feministische Integrationsfigur ist doch bekanntlich lange und definitiv vorbei (Wetten dass???) und die entsprechende (Sexual)Moral auch!? Würde mich interessieren, wie viele Frauen, die das Bedürfnis danach verspüren, sich tatsächlich wegen Alice Schwarzer von Porno schauen und SM Praktiken abhalten lassen… also nicht so ganz nachvollziehbar diese Forderung.
Außerdem gabs neben jenen Feministinnen, die heterosexuelle Praktiken dogmatisch als Unterdrückung von Frauen betrachteten, immer auch feministisch gesinnte Menschen, die das subversive Potential von Sexualität exzessiv (be)lebten.
Charlotte Roche nimmt das von den Medien angetragene Label einer neuen „Feministin“ zwar gerne an, die von ihr im Interview explizierte Botschaft des Romans fällt dann aber enttäuschend aus: „Aber wenn ich einen zarten Appell formulieren darf, dann so: Ich hätte gerne, dass es auf Frauen einen weniger großen Druck gibt, sich komplett zu enthaaren. Frauen rasieren sich aus einem vorauseilenden Gehorsam. Ich glaube, dass sogar Männer über ein paar weibliche Schamhaare ganz dankbar wären, weil sie ja mit Frauen, nicht mit Kindern schlafen wollen.“ (Das würde vermutlich auch Alice gefallen;))
Trotzdem soll Helens sympathischer Lösungsvorschlag nicht vorenthalten werden: „Ich finde, wenn Männer rasierte Frauen wollen, sollen sie auch das rasieren übernehmen, Und nicht den Frauen die ganze Arbeit aufhalsen. Frauen wäre es doch ohne Männer ganz egal, wie behaart sie sind. Wenn beide sich so gegenseitig rasieren, wie sie es am hübschesten finden, dann ist das das beste Vorspiel, das ich mir vorstellen kann.“ (Helen in Feuchtgebiete)
Feuchtgebiete 1: Die Lektüre
Im Frühjahr 2008 erschienen, avancierte Charlotte Roches Debütroman Feuchtgebiete (Dumont) - als Skandalroman gehandelt - rasch zum Bestseller. Im kommenden Herbst wird der Roman am Neuen Theater in Halle als gleichnamiges Stück erstmals inszeniert. hier gehts zum link
Feuchtgebiete erfreut sich in erstaunlich vielfältigen LerserInnenkreisen großer Beliebtheit. Offenbar entspricht die Wirkung dem Inhalt: Wie bei einem schrecklichen Unfall gibt es viele Schaulustige. Angeregt durch die sehr unterschiedlichen Rezeptionen der AugenzeugInnen und die öffentliche Diskussion steht das Werk nun auch in meinem Bücherregal, zwischen Catherine Millet und Virginie Despentes.
Die Geschichte handelt von der erst 18jährigen Helen Memel, die nach einer missglückten Intimrasur auf der Inneren Abteilung eines Krankenhauses liegt und sich nicht nur den als „unmädchenhaft“ geltenden Stellen ihres Körpers widmet, sondern auch den langsam und im Verlauf des Romans immer stärker auseinander klaffenden Wunden ihrer Seele.
„Ich sehe meinen Roman ja durchaus als Masturbationslektüre: Es gibt eine nachdenkliche Ebene, und es gibt die Ebene, die Männer und Frauen aufgeilen soll“, so die Autorin im Süddeutsche-Interview
.
Die literarische Verschränkung dieser beiden Ebenen ist im Roman auch sehr gut gelungen, Lust und Verletzlichkeit durch den eigenen Körper werden in provokanten, amüsanten und berührenden Episoden thematisiert. Wirklich ekelerregend sind nur die wenigsten Stellen, vor denen mich der Buchhändler beim Erwerb des Werkes auch gleich eindringlich zu warnen versuchte. Der Eindruck, der bereits aus der öffentlichen Diskussion des Romans entstanden ist, mit seitenweise Brechreiz erweckenden Ausführungen provozieren zu wollen, bestätigte sich bei der Lektüre überhaupt nicht. Einzig die „Gulaschmahlzeit“ und die eigenwillige Art der Toilettenreinigung lesen sich als Überschreitung, andere Schmankerl aus Helens „Körperrecycling“ kommen eher lustig daher.
Letztendlich ist das Scheidungskind Helen auf der Suche nach Zuwendung. Sie ist eine zerbrechliche Antiheldin, die Tabus bricht, weil ihre Familie zu den Fragen, die ihr auf der Seele brennen, schweigt. Witzig und traurig zugleich ist der Roman unbedingt lesenswert (!!!) und noch eines auf jeden Fall: subversiv. Gängige Identitätsangebote und Verhaltensregeln für Frauen werden auf radikale Weise – zumindest literarisch – untergraben (für die Praxis sind wir ja selbst zuständig ;). Ganz nebenbei gibt’s auch noch brauchbare Tipps zur Avocadozucht. Ein Happy End findet aber nur, wer eines haben will…
Tiefenrausch
Tiefenrausch – Kunst und Führungen in den Linzer Unterwelten
Grenzgang mit OK Offenes Kulturhaus Oberösterreich und Linz09 im Öffentlichen Raum
Ein Bericht zu Museum der Unterwelten, Strom des Vergessens und Kanaldeckel Landstraße
„Erkundet werden die Keller, die Stollen, die unterirdischen Welten von Linz. Den Weg ins Unergründete säumen verlassene Orte, Räume, die mit Erinnerung aufgeladen sind, aber auch aktive unterirdische Produktionsstätten. Ausgangspunkt ist das Museum der Unterwelten, eine kulturhistorische Ausstellung im OK. Im Aktienkeller findet sich internationale zeitgenössische Kunst zum Thema „Erinnern und Vergessen“. Auf der Landstraße werden Kanaldeckel zu Periskopen unterirdischer Systeme.
Auch führt TIEFENRAUSCH an Orte, die dem Publikum sonst verschlossen bleiben – Stollenanlagen, Trinkwasserspeicher, Krypten der Linzer Altstadtkirchen. Auf dem Arena-Platz vor dem OK schließlich ein Tauchturm vom Attersee. Alles in allem ein spektakulärer Kunstparcours, dem die BesucherInnen durch die kilometerlangen Gänge folgen.“
Die Idee, die Linzer Unterwelten für eine Ergründung öffentlich zugänglich zu machen und die Erinnerung, die mit verlassenen Orten verbunden ist mit künstlerischen Mitteln aufleben zu lassen, ist gut. Tiefgründigen Geheimnissen, Vergessenem und Unbekanntem im unmittelbaren Lebensumfeld nachzuspüren, macht jedenfalls neugierig. Und auch die in Aussicht gestellten Grenzüberschreitungen zu kollektiven und individuellen Unterwelten des Bewusstseins klingen überaus reizvoll.
Allerdings: „Unterwelten gibt es viele und jede Tiefe braucht ein Zentrum“
Genau dieses Zentrum fehlt leider. Für BesucherInnen wird es dadurch schwer, tatsächlich in einen Tiefenrausch zu geraten: Geboten wird eine assoziativ wirkende Zusammenstellung, ein Sammelsurium thematischer Aspekte und Zugänge verschiedener „Unterwelten“.
Obwohl Tiefenrausch über eine klare konzeptuelle Gliederung verfügt, ist es weder gelungen, ein durchgängiges Konzept zu vermitteln und erkennbar umzusetzen, noch, die einzelnen Themenstränge befriedigend auszuarbeiten.
Die Höllenbilder im OK „Museum der Unterwelten“ fallen beispielsweise recht enttäuschend aus - die Krampusdarstellungen und wenigen weiteren Exponate könnten eine ansprechende Zugabe sein, ein kleiner Ausschnitt aus dem reichen Schatz kulturhistorischer Repräsentationen von Höllenbildern und Teufelswerken. Es bleibt also bei der christlichen Schreckensfantasie – die mythologischen Innenwelten werden weitgehend ausgespart.
Weniger ist zwar mehr, aber dieses Konzept wurde insgesamt auch nicht verfolgt und in diesem Fall ist wohl eher mehr weniger.
Tiefgang erhält die Zusammenschau durch einzelne Exponate, die sich eben dadurch auszeichnen, dass sie ihre eigene überzeugende Auseinandersetzung mit klar definierten Themen liefern. Beispiele aus dem Museum der Unterwelten sind die elektromagnetische Klanginstallation von alien productions: „Tiefenklang I es ist viel zutage gekommen“, oder – etwas kurzweiliger - die Videoinstallation „Tales from the Underworld“, von Christoph Draeger / Heidrun Holzfeind.
Auch in der Ausstellung „Strom des Vergessens“ im Aktienkeller finden sich überzeugende künstlerische Arbeiten. Schade, dass gerade diese Arbeiten in der etwas unmotivierten Zusammenstellung von Tiefen und Untiefen in beiden Ausstellungen etwas untergehen. Sich einzulassen wird dadurch nicht unbedingt leichter gemacht, sondern erfordert ziemlich langen Atem.
Möglicherweise erhält das Projekt so mehr Breitenwirkung, Linz09 soll ja viele Geschmäcker bedienen. Und entsprechenden Umsatz gewährleisten – die beachtlichen Eintrittspreise sollen jedenfalls noch erwähnt werden und auch, dass die Teilnahme an Führungen BesucherInnen in organisatorischer Hinsicht nicht leicht gemacht wird. Wer sicher teilnehmen will, sollte „rechtzeitig“, d.h., ein paar Tage vorher reservieren. Und sich auch nicht zu viel an Hintergrunderläuterung erwarten.
Die Kanaldeckel auf der Landstraße sind immer noch frei zugänglich, d.h., können gratis besichtigt werden.
Übrigens auch schade: Dass „Up and Down“, Fernando Sánchez Castillos Installation im Aktienkeller nicht funktioniert hat, die Denkmal-Maschine „ (…) birgt einen hohen sinnbildhaften Wert und scheut sich nicht vor einem interaktiven „Denkmalsturz“, der beliebig oft wiederholbar ist.“…
(Ausstellungsführer Tiefenrausch – Linzer Unterwelten)
Prädikat: Durchaus sehenswert – aber nur bedingt berauschend.
Re:Tiefenrausch
he
habt ihr gewusst warum kanaldeckel (achtung: nicht zu verwechseln mit gullideckeln!) IMMER rund sind?
nur wenn sie rund, sind können sie unmöglich in den schacht fallen!
Re:Tiefenrausch
bei mir hat die denkmalmaschine übrigens schon funktioniert (du hast aber nichts verpasst), ansonsten bin ich, was die kritik betrifft ganz bei dir...
Re:Tiefenrausch
zentrum hin oder her, ich war noch selten auf einer ausstellung, wo ich mit so vielen installationen etwas anfangen konnte. ob das für den strom des vergessens spricht weiss ich nicht ;)
besonders cool fand ich die videoprojektion von hito steyerl, bei der im krieg der 90er zerstörte filmrollen aus der erinnerung nachgezeichnet wurden.
Re:Tiefenrausch
ach ja, der generalissimo franco hat sich mir auch gezeigt