Wien
Aus der Hohen Bude II
Ab 12. November und bis zum 11. April steht BesucherInnen im österreichischen Parlament in Wien eine Republik.Ausstellung 1918|2008 zur Anschauung frei. Das Interesse an der Ausstellung hielt sich in Grenzen, zuvor war im Frühjahr das Gedenken an den bejubelten Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich bis auf verwirrte von der ÖVP beklatschte Betrachtungen eines gewissen Otto Habsburg ebenso unbedacht geblieben. 2008 war nach dem bis ins sinnentleerte stilisierte Jubliläumsjahr 2005 geschichtspolitisch nahezu beschauchlich verlaufen.
Business as usual - Stefan Karner produziert mit seinen Freunden und Freundinnen eine Ausstellung für das Parlament. Kein Grund zur Aufregung? Zumal die Ausstellung bereits 2005 in ähnlicher wiewohl deutlich martialischeren Gestalt die Schallaburg geschmückt hat. Und next stop: Haus der Geschichte?!
Die Finanzierung der Ausstellung aber auch ihre inhaltliche Ausrichtung war Gegenstand einer parlamentarischen Anfrage der Grünen von Anfang Dezember 2008. Anfang Februar liegt die schriftliche Beantwortung durch das Bundeskanzleramt vor und zum 12. Februar erschien nun in der Printversion des Standard auch ein Artikel, skandalisiert werden dort allerdings nur die zu Hohen Kosten der Ausstellung.
Dabei mag die Ausstellung mit 1,4 Millionen Euro 'unglaublich teuer' sein, lohnender wäre allerdings tatsächlich sich einmal mit den Inhalten dieser Ausstellung zu beschäftigen, bzw. die - ebenfalls im Antrag enthaltene - Fragen rund um ein sog. 'Haus der Geschichte' zu diskutieren.
Wolfgang Zinggl fragt in der parlamentarischen Anfrage danach, warum der Verfolgung und Ermordung der Jüdinnen und Juden während der Zeit des Nationalsozialismus derart wenig Platz eingeräumt wurde. Zudem wollte er vom Bundeskanzler erfahren, ob ihm die Verkürzung des Themenkomplexes 'Migration und Einwanderung' auf eine sog. 'Gastarbeiterschaft' adäquat erscheine. Und schließlich bemängelt er in Punkt 26 die Darstellung von Opposition, Bürgerinitiativen oder von wichtigen zeitgeschichtlichen Affären, wie der Waldheim-Affäre oder der Frischenschläger-Reder-Affäre.
In der Beantwortung sagt Bundeskanzler Faymann, er könne sich 'mit der inhaltlichen Ausrichtung der Ausstellung identifizieren'. Zu den einzelnen Kritikpunkten meint er lediglich, dass die große Zeitspanne und der begrenzte Raum eben dazu geführt habe, dass 'es immer einzelne Elemente geben [wird], die nach der individuellen Auffassung einzelner Besucherinnen und Besucher unter- oder überrepräsentiert sind.'
Ich habe die Ausstellung vor drei Wochen besucht. Bevor die Führung los ging blätterte ich noch im erschienenen Ausstellungsband. Darin hat neben anderen Historikern und Historikerinnen auch der bekannte rechte Historiker Lothar Höbelt einen Beitrag gestaltet.
Eine jünger Frau begrüßt die kleine Gruppe zur Ausstellung und führt uns durch die Sicherheitsschranke. Oben im Ausstellungssaal bleiben wir vor der ersten großen Landkarte 'Österreichs' stehen, es handelt sich um das von den deutschen Abgeordneten 1918 gewünschte Territorium 'Deutschösterreichs'. Darin enthalten ist freilich auch Südtirol und alle tschechoslowakischen Gebiete, in denen auch der eine oder andere deutsche Dialekt gesprochen wurde. Die Grenzen von Österreich, wie in Versaille festgelegt, sieht man erst auf einer späteren Landkarte. Vermittelt wird hier, es habe ein eigentliches Österreich gegeben, das von den Alliierten noch mehr zusammen gestutzt worden ist. Die Vermittlerin spricht ganz selbstverständlich von 'den Sudetendeutschen', als hätte es diesen generalisierenden Terminus damals bereits gegeben. Verräterisch auch ihr ständiges reden von 'wir' und 'unser', bei historischen Ereignissen und Beständen bei denen sie wohl kaum dabei war.
Dann spricht sie von der Zwischenkriegszeit, zum Justizpalastbrand meinte sie, es sei üblich gewesen derartige Fälle mit Freispruch zu beurteilen, bei einem unkommentiert hängenden antisemitischen Plakat erklärt sie, es habe in Österreich keinen echten Antisemitismus bis zum Einmarsch Hitlers gegeben. Sie bringt schöne Beispiele, von einem Gesandten Mussolinis, der 'selbst Jude' gewesen sei und den Auftrag gehabt hätte Österreich zu mehr Antisemitismus anzustiften; Österreich habe abgelehnt. In der Diskussion beruft sie sich wiederholt auf Bücher von Stefan Karner und argumentiert den wissenschaftlichen Stand der Dinge. Wie der offensichtlich mittlerweile aussieht konnte beim Exkurs zum 'Ständestaat' studiert werden. Die Machtübernahme von E. Dollfuß breitet sie ausführlich aus, als sei die Situation zwar etwas vertrackt aber im Grunde doch rechtens gewesen. Ihre Ausführungen über den 'Ständestaat' klingen als würde sie mit ihm sympathisieren. Ich frage, ob sie keinen Faschismus sehe, warum sie den Begriff 'Austrofaschismus' nicht erwähne. Wissenschaftlich gesehen - sagt sie - muss man von 'Ständestaat' sprechen, da sich die Protagonisten damals nicht als 'Austrofaschisten' beschrieben haben. Die paar Sätze über den Nationalsozialismus in Österreich höre ich noch ein wenig mit an, kein Wort über politisch verfolgte Menschen während des Nationalsozialismus, dafür berichtet sie über die Hilfe der katholischen Kirche bei der Ausreise von konvertierten Juden und Jüdinnen. Als die Vermittlerin am Ende des Zweiten Weltkrieges angekommen ist, ist ihre Zeit um; kurz verweist sie noch auf den Rest der Ausstellung. Gegenüber in der Halle hängt ein riesiges Bild von Sudetendeutschen auf der Flucht. Nirgends ein vergleichbares Bild von Opfern des Nationalsozialismus. Schließlich kommt die Frau noch einmal auf mich zu und empfiehlt mir ein gutes Buch, in dem diese Wahrheiten zu finden wären: 90 Jahre Republik, von Stefan Karner.
art makes me wanna smoke crack
Wenn der Besitzer („mir g'hört des da ois“) der schicken Galerie im ersten Bezirk...
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den Namen der produzierenden Künstlerin nicht kennt,
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aber „als Mann natürlich“ so eine „Emanzenaktion“ unterstützt,
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weil die Frauenbewegung die Emanzipation bereits „erfolgreich zum Abschluss“ gebracht hat -
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und falls doch nicht eben diese von den Frauen selbst vorangetrieben werden müsse („wie wir von der Arbeiterbewegung wissen“)
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und BH's kenntnisreich als ehemalige „Symbole Unterdrückung“ und nunmehrige „Symbole befreiter Weiblichkeit“ erkennt,
...dann weiß ich, warum mir der Kunstbetrieb so gewaltig auf meine zarten Hoden geht. Ansonsten war die von Renee Stieger choreographierte und produzierte und von 13 Künstlerinnen aufgeführte Performance zum feministischen Klassiker „Die gelbe Tapete“ von Charlotte Perkins Gilman sehr gelungen.
Art makes me wanna smoke crack.
Aus der Hohen Bude
Das österreichische Parlament wählte heute Martin Graf zum Dritten Nationalratspräsidenten. Ein Großteil der SP-Fraktion (gemeinsam mit der ÖVP, der FPÖ, dem BZÖ) stimmte für ein Mitglied der rechtsextremen Burschenschaft Olympia, die zahlreiche und beste Kontakte zu neonazistischen Personen und Organisationen pflegt. Ob dies nun als starkes Zeichen der Toleranz und der Demokratie zu werten sei, wie es Herbert Kickl (FPÖ-Generalsekretär) im Parlament beschwor, werden wohl auch die verrücktesten SPÖ-lerInnen bezweifeln. Hingegen könnten einige SPÖ-Parlamentarier die Wahl als eine “moralische Großtat” (ebenfalls Kickl) empfinden. Die Erste Präsidentin des Nationalrats Barbara Prammer (SPÖ) übt sich folgerichtig in der ZIB2 im absurden Spagat. Es sei nun, dank der Wahl von Martin Graf, zu einer Debatte über die eigene Vergangenheit gekommen. Außerdem gäbe es verstärkt den Auftrag sich mit der Zeit des Nationalsozialismus zu beschäftigen. Hier könnte der Verdacht aufkommen, dass sie dabei in erster Linie die Grünen ins Visier nimmt, die als einzige Fraktion gegen die Wahl von Graf mobil machten. Im Parlament nahm zuvor Ewald Stadler (BZÖ) die Grünen ganz konkret ins Gebet und wünschte sich keine Sippenhaftung für Graf, wegen dessen Vereinszugehörigkeit zur Olympia. Schließlich, so Stadler, habe dies in finsteren Zeiten schon einmal zum Verhängnis geführt. (siehe: Retourkutsche) Die armen rechten Recken werden stets verfolgt und ausgegrenzt, das hat sich wieder einmal eindrucksvoll bestätigt.
Die Mühlen mahlen langsam
Das Leopold Museum mit Werbung! Laut Indymedia von Kunstschutz= offizier_innen angebracht.
Der Umgang mit der eigenen Nazivergangenheit ist in Österreich seit jeher durch Verleugnen, Verdrehen und Verdrängen gekennzeichnet. Eine spezielle Rolle spielte dabei der Umgang mit den von den Nazis geraubten und unter Zwang gekauften Besitztümern. Nach der Niederlage des Deutschen Reichs waren die BürokratInnen der 2.Republik tunlichst darum bemüht möglichst wenig Besitz an die großteils jüdischen EigentümerInnen zurück zu geben. Da viele beraubte JüdInnen ermordet wurden, Dokumente auf der Flucht verloren gingen bzw. schlicht keine Unterlagen vorhanden gewesen sind, die die Besitzverhältnisse ausgewiesen hätten, fiel es den Zuständigen nicht schwer, die Rückgabeforderungen vor Gericht in die Länge zu ziehen, die EigentümerInnen mit billigen Kaufangeboten abzuspeisen, oder den Naziraub einfach sang und klanglos in staatlichen Besitz übergehen zu lassen.
Darunter fällt auch der Umgang mit NS-Raubkunst. Erst als 1998 zwei Bilder aus der Sammlung Leopold (Schieles "Bildnis Wally" und "Tote Stadt III") in den USA beschlagnahmt wurden, beschloss die Republik ihre Archive zu öffnen, und gezielt Nachforschungen anzustellen. (siehe auch: Provenienzforschung). Dazu wurde ein Kunstrückgabegesetz verabschiedet - ausdrücklich ausgenommen ist hierbei skurrilerweise die Sammlung Leopold, die als Stiftung geführt wird und vom Bund subventioniert wird.
Jahrelang konnte Rudolf Leopold jeden Raubkunstvorwurf erfolgreich von sich weisen, und mit absurden Argumentationen vor Gericht punkten. Das Bild “Der Sensendengler” von Albin Egger-Lienz, könne, laut Leopold unmöglich NS-Raubkunst sein, weil der Maler nicht dem durchschnittlichen Geschmack von JüdInnen entsprochen hätte. Falls die Beweise doch gefunden werden, was Leopold offenbar befürchtet, sei trotzdem von einer Restitution abzusehen. Den Betroffenen würde es nur ums Geld gehen, so Leopold mit dem Verweis auf die Familie Rothschild, die ihre aus dem Kunsthistorischen Museum restituierten Kunstwerke versteigern ließen.
Weil Leopold im Frühjahr 2008 seine stolze Sammlung an Albin Egger-Lienz Bildern zu dessen 140 jährigen Geburtstag in einer Sonderausstellung präsentierte, wurden von JournalistInnen und der IKG (Israelitische Kultusgemeinde) erneut Nachforschungen angestellt. Prompt fielen einige Werke unter den Verdacht der NS-Raubkunst. Die Kunst&Kulturministerin Claudia Schmied plante daraufhin das Kunstrückgabegesetz zu novellieren. So sollte auch das Museum Leopold diesem Gesetz unterstellt werden. Willhelm Molterer, die Kärtner Landesregierung, und natürlich Rudolf Leopold machten gegen die Novelle mobil. Damit wieder Ruhe ins Museum einzieht, wurde vorläufig ein Kompromiss geschlossen. Eine Forscherin und ein Forscher gehen nun den NS-Raubkunstvorwürfen im Museum Leopold nach – über 60 Jahre nachdem die Nazis von den Alliierten besiegt worden sind.
Re:Die Mühlen mahlen langsam
das graffiti auf dem leopold war leider nur für einige stunden sichtbar, dann wurde es für einige tage notdürftig mit einer platte abgedeckt und dann wurde es mühsamst weggeschliffen. ich arbeite im mq und hab mich diebisch gefreut...
Erfolgreicher Utopist
… ja, Utopien denken, … denn der (einzige?) Vorteil des Moratoriums ist ja, dass mensch in der Zwischenzeit wenn schon realistischerweise nicht hoffen, so doch zumindest Visionen entwickeln und sich den Luxus zu träumen gönnen kann…
Von Utopia und daraus folgenden philosophischen bzw staats- und stadttheoretischen Auseinandersetzungen ließen sich übrigens auch schon der eine oder die andere aus dem bürgerlichen Lager inspirieren, wenn auch aus deutlich pragmatischeren Motiven, z. Bsp. zur Erlangung eines Doktorgrades;))
Wir erinnern uns an einen amüsanten Vorfall: Vor gut einem Jahr meldete Plagiatjäger Stefan Weber Bedenken an der ausgerechnet von Wissenschaftsminister Johannes Hahn 1987 eingereichten Dissertation "Perspektiven der Philosophie heute - dargestellt am Phänomen Stadt" an; und zwar wegen »Nichteinhalten grundlegender wissenschaftlicher Arbeitstechniken« : U.a. wären weite Teile von Leopold Kohrs einige Jahre zuvor erschienenem Buch "Die überentwickelten Nationen" abgeschrieben worden, ohne entsprechend auf das Original zu verweisen.
Die Uni Wien verzichtete auf die Einleitung eines Plagiatprüfungsverfahrens, da laut Ombudsstelle der Universität Zürich, zuständig für Fragestellungen der guten wissenschaftlichen Praxis, nicht von einem Plagiat gesprochen werden könne. Wer sich selbst ein Bild machen möchte, findet bei orf.at noch die Gegenüberstellung von Textpassagen aus Hahns Dissertation und Kohrs Buch. hier gehts zum link
Ein unmoralisches Angebot
Onkel Hans: Du Ursi! Geh komm einmal her da! [Beäugt erfreut die Ministerin]. Ich hätt' da was für uns zwei.
Ursi: [Denkt sich: was denn jetzt schon wieder.]
Onkel Hans: Wir verstehen uns doch so gut; die längste Zeit schon. Oder?
Ursi: [Denkt sich: Ach so?]
Onkel Hans: Und da hab ich mir gedacht, wir könnten uns doch auf ein Packel hauen, wir zwei. Oder? [Grinst dreckig, reibt sich unterm Schreibtisch mit der Hand am Schritt]
Ursi: [Grinst blöd; weiß nicht wo sie hinschauen soll]
Onkel Hans: Weil ihr schaut's ja recht mager aus der Wäsche, du und die deinigen...
Ursi: [Grinst ahnungslos, denkt sich: was meint der alte ...]
Onkel Hans: Und da hab ich mir gedacht, ich hol euch den Kanzler zurück.
Ursi: [Falten auf der Stirn, denkt sich: Den Schüssel? Bloß nicht!]
Onkel Hans: Aber nicht den Schüssel, nur den Posten! Ich versprich dir den Sieg bei den Wahlen, Madl, aber du müsstest halt auch ein Kleinigkeit für mich tun ...
Ursi: [Errötet. Eine schlimme Ahnung steigt bildlich vor ihr auf. Tastet unmerkbar nach der Pfefferspraydose in ihrer gefakten D&G-Handtasche.]
Onkel Hans: ... quasi als persönlichen Gefallen.
Ursi: [schraubt mit zitternden Fingern unbemerkt den Deckel von der Pfefferspraydose]
Onkel Hans: Weil die Sache mit der EU-Reform. Und der Abstimmung. Und wenn du mir da einen kleinen Gefallen tust, dann könnt' ich dir doch auch....
Ursi: [Ihr vergeht das Grinsen. Muskeln spannen sich]
Onkel Hans: ... und wennst ehrlich bist, Madl: Im Innersten, da willst es doch auch...
Ursi: [Zieht den Pfefferspray, nebelt Hans Dichand ein, zieht ihn am Kragen über den Schreibtisch, tritt ihm in die Weichteile und ins Gesicht] [brüllt] Niemals! Du perverses Schwein! Alter Lustmolch! Bundesgrapscher! [Zieht empört von dannen]
Onkel Hans: [Stöhnt, röchelt, spuckt Blut auf den Perser, zieht sich am Schreibtisch hoch] [murmelt leise] Dann halt nicht, du blöde Urschel. Geh ich halt zu den Roten, die sind da schon längstens geil drauf!
Scheiss Gentrification
Kürzlich habe ich im Standard Immobilienteil einen neuen Wiener Gemeindebezirk entdeckt, den "SOHO-Bezirk". In diesem neuen "Künstlerviertel Wiens" kann ich mir geräumige (150 bis 250m²) Eigentumswohnungen mit Dachterrasse kaufen. Heute ist im Falter über das Soho-in-Ottakring-Phänomen (SIOP) und über Leute, denen Bezirke mit mehr als einer Ziffer eigentlich am Arsch vorbeigehen (darum heißt der 16. jetzt SOHO-Bezirk?) zu lesen. Und mir fällt ein, dass nicht nur Kieze in Hamburg oder Berlin Opfer übler Aufwertung werden/wurden, sondern auch Wien an diesem Phänomen teilhaben darf/wird.
Zurück zur Überschrift: mit dem Abwertungskit™ Bastelbogen vom Aktions-Netzwerk gegen Gentrification kann ich (sagen die ErfinderInnen aus Hamburg) die Mieten ab sofort selber drücken.
"...mit wenigen Handgriffen lässt sich das Erscheinungsbild deiner Wohnung nach außen verschlechtern. Schon bald setzt der "broken windows effect" ein: Wohlhabende ziehen weg, Wohnungen sind nur noch schwer zu vermieten, die Preise purzeln in den Keller..."
aber aufgepasst: die optische Abwertung darf nicht übertrieben werden, denn sonst wittern die Investoren womöglich Street-Art hinter der Aktion, dazu fällt mir folgende Geschichte click von Diana Artus (Jungle World 30/2007) ein: Banksy veröffentlichte vor einiger Zeit eine an ihn adressierte E-Mail, in der ihn zwei Leute aus einer einfachen Wohngegend Londons bitten, seine Sachen in Zukunft woanders zu sprühen, da mehr und mehr Yuppies und Studenten -angelockt von seinen Schablonengraffiti- ins Viertel zögen in der Annahme, es sei jetzt cool...die nahe liegende Befürchtung der beiden war, dass sie sich bald keine Wohnung mehr in der Gegend leisten können.
Re:Scheiss Gentrification
Wien, Yppenplatz
Überbleibsel von der EuroMayDay Parade 2006. Neue Formen des Protests für eine neue prekäre Arbeitswelt
Brave Gewista
Die Gewista hat sich der Plakatszene angenommen. Mit edlen Motiven, wie wir meinen. Von ihrer Homepage erhalten wir die Infos dazu:
"Die GEWISTA hat es geschafft, die wesentlichen Vertreter der so genannten „Wildplakatierer-Szene“ ins Boot zu holen und ab Anfang 2008 wird die soeben neu gegründete KULTUR:PLAKAT GmbH eine sehr interessante Plakatwerbeform für die Veranstalter von Kultur- und Szeneevents anbieten. Zu äußerst kulanten Preisen können nun auch Veranstaltungen, für die nur ein kleines Werbebudget zur Verfügung steht, auffällig, attraktiv, imageträchtig und vor allem zuverlässig in ganz Wien beworben werden. Dies war bisher nicht möglich. Der neue Werbeträger (...) kann nun in ganz Wien gebucht werden. Er fügt sich elegant ins Stadtbild ein - schließlich soll sich Wien, auch in Hinblick auf die Fußball-EM 2008, von seiner schönsten Seite zeigen." (weiterlesen)
Und damit auch alles schön ist, werden die wilden Plakate grob heruntergespachtelt und mit "Plakatieren verboten"-Plakaten überklebt. Das ist subversiv und fügt sich schön ins Stadtbild ein. Damit die Fußballhooligans nicht von wilden Plakaten in ihrem ästhetischen Empfinden gestörrt werden.
Re:Brave Gewista
Simpel Life
Zur Aufführung "The Cocka Hola Company" von Drama-X im BesucherInnenforum der Wiener Linien gibt es hier ein kurzes Interview mit dem Autor Matias Faldbakken zu lesen. Leider gab es bereits am Samstag (15.03.08) die letzte Aufführung.
Auszug aus mono.kultur: Matias Faldbakken
Interview von Severin Duenser und Caroline Muntendorf
frei übersetzt von Agnes KitzlerDu nennst deine Trilogie im Untertitel „Skandinavische Misanthropie“. Würdest du dich als Misanthropen bezeichnen?
Also, auf einer persönlichen Ebene bin ich ziemlich unzufrieden. Aber ich bin nicht besonders optimistisch, wenn es um den größeren Zusammenhang geht. Das ist vielleicht nicht wirklich misanthropisch, aber ich habe kein besonders großes Vertrauen in die Menschheit. Was ich schreibe, entsteht aus meinen persönlichen Gefühlen und Auffassungen und, ja ich kann ziemlich launisch sein. Aber die Idee, eine radikale Misanthropie in literarischer Form durch zuspielen , ist eine Konstruktion. Ich glaube, ich spiele einfach bis zu einem gewissen Grad mit dieser Idee, indem ich ein eher allgemeines Gefühl hernehme, das ich habe und dann übertreibe.
Ist die Art von Misanthropie, die du beschreibst, vergleichbar mit einem Zustand der Entropie, in dem alles Radikale und Subversive zu einem Konsenslevel gebracht wird?
Ich habe diesen Ausdruck verwendet, um eine bestimmte Form der Existenz zu beschreiben. Zumindest in meinem zweiten Buch habe ich mich mit der Idee des Miteinbeziehens von Dissens und der Harmonisierung des Tumults beschäftigt; mit dem Verlust der Reibung und dem Einebnen jedes Versuches, durch Unterschiedlichkeit Reibung zu erzeugen. Ich weiß nicht, ob man das in direkte Verbindung zu Misanthropie an sich bringen kann, weil letzteres auch mit den Charakteren im Buch zusammenhängt, aber ein solcher Status Quo ist natürlich ein guter Nährboden für misanthropische Gefühle.
Glaubst du nicht, dass das Kreativsein als Künstler hier einen Ausweg bietet?
Allem, was ich mach folgt immer ein großes Gefühl der Leere. Aber ich weiß wirklich nicht, was ich sonst tun sollte. Kunst und Literatur sind für mich keineswegs die einig wahren Ausdrucksformen. – es fällt mir einfach ziemlich schwer, Alternativen zu finden.
Von einem radikal misanthropischen Standpunkt gesehen – wen hasst du am meisten?
Besonders oft Menschen, die mir ähnlich sind, die im selben Bereich arbeiten.
Ist dein Konzept von Misanthropie ein Konzept des Selbsthasses?
Ja, ich glaube schon. Tatsächlich ist ein Großteil der Wut in den Büchern genau gegen die Dinge gerichtet, die irgendwie mit meiner künstlerischen Praxis in Verbindung gebracht werden könnten. Es ist zwar neu verpackt, aber die Kulturwelt ist das eigentliche Ziel.
Würdest du die Aussage unterschreiben, das „die moderne Menschheit die Fähigkeit verloren hat in produktiver Einsamkeit zu leben“?
Ich habe diesbezüglich keinesfalls irgendwelche romantischen Vorstellungen von der Vergangenheit, von Menschen, die alleine herumsitzen, voller Leben und Existenz. Ich glaube, dass sowohl schmerzhafte Einsamkeit als auch misanthropische Gefühle schon seit sehr langer Zeit existieren. Vielleicht fällt es heutzutage mehr auf, weil es mehr Möglichkeiten gibt, die Leere zu füllen und plötzlich sieht man nur noch all diese Möglichkeiten und sie werden zu einem Ausdruck der existenziellen Leere an sich.
In deinen Büchern sieht es so aus, als wäre eine Möglichkeit damit umzugehen eine ironische Betrachtungsweise; du stellst Ironie nicht nur dar, du kommentierst sie auch. Wie würdest du diesen Gebrauch von Meta-Ironie beschreiben? Ist Ironie, die Stimme der Gefangenen, die sich in ihrem Käfig wohl fühlen?
Ironie beinhaltet beides, die Erklärung und die Kritik – zwei Ebenen gleichzeitig – und das ist vielleicht der einzige Weg über gewisse Dinge zu sprechen. Es ist heutzutage sehr schwer, kompromisslos Stellung zu beziehen, weil das offensichtlich keine Lösung ist. Aber ich habe eigentlich das Gefühl, dass meine Bücher eher sarkastisch als ironisch sind.
Re:art makes me wanna smoke crack