Die Fratze des Bösen
Eine liebe Freundin zeigte sich bei der Filmbesprechung erstaunt über die sympathisch wirkenden PLO- Aktivisten, die die Bombe unter ihrem Bett scheinbar gar nicht verdient hätten. Ganz "normale" Männer, höflich, umgänglich, Familienväter - genau wie die israelischen Agenten auch. Da stellt sich die Frage: gibt es das Böse überhaupt? Die Dichotomie zwischen Gut und Böse bedient eine ureigene menschliche Sehnsucht nach Sicherheit, nach Klarheit. Gott ist gut, der Teufel böse. Dazwischen gibt's nichts, kein Platz für Schattierungen, Graustufen und differenzierte Sichtweisen. Wie einfach wäre das Leben, wenn diese christliche Schwarzweiß- Sicht funktionieren würde. Die einzige Herausforderung für die "Guten" bestünde dann darin, das Böse oder die Bösen zu erkennen und dann zu bekämpfen, zu verachten, nicht zu grüßen, aus der Partei auszuschließen oder im Bedarfsfall auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. Als Kinder werden wir in dieser gefährlich- naiven Weltsicht sozialisiert. Das Erwachsenwerden konfrontiert uns dann immer öfter mit der grauen Realität. Klar hat der Mann Böses getan, aber warum? Weil er böse ist? Weil sein Vater schon böse zu ihm war? Gibt es etwa gute Gründe böse zu sein und ist das dann überhaupt noch böse? Jemanden zu töten ist eigentlich ein böser Akt. Hitler zu töten wäre eine Heldentat gewesen.
Die Aufklärung hat das dichotome Bild etwas relativiert, zumindest der Bildungselite ist klar, dass Gut und Böse keine Zustandsbeschreibungen und schon gar keine Wesensdefinitionen sind, sondern, den individuellen Handlungsspielraum der Menschen beschreiben. Geht es nach Karl Jaspers ist nicht das Ergebnis einer Handlung entscheidend für deren moralische Kategorisierung, sondern das Motiv, der Antrieb und die Mittel. Wer also aus niederen, triebhaften Motiven handelt, handelt böse, egal was dabei rauskommt. Umgekehrt spielen die oftmals verheerenden Konsequenzen von "gut gemeinten" Aktionen keine Rolle für deren Bewertung.
Rupert Neudeck ist so ein guter Mensch. So sieht er sich wohl selbst und auch Jaspers würde ihm dies bescheinigen. Mit seiner Hilfsorganisation Cap Anamur sammelt der zweifellos sympathische Aktivist Geld, um im Sudan Sklaven freizukaufen (Ja, Sklaverei gibt's noch und ein Ende ist nicht abzusehen). Für die einzelnen freigekauften Individuen bedeutet das die Rettung, sie werden wieder in ihre Dörfer zurückgebracht. Für das Problem der Sklaverei im Sudan insgesamt sind die Folgen derartiger Aktionen fatal, denn schon bald bildete sich ein regelrechtes Geschäftsdreieck heraus. Die NGOs sammeln Geld und bezahlen für die Ware Mensch, Zwischenhändler streifen einen guten Teil der Spenden ein und professionelle Menschenfänger sorgen für genug Nachschub. Die gut gemeinte Aktion führte zu einem dramatischen Anstieg der Verschleppungen, das Problem wurde verschärft, anstatt gemildert. Böse, oder nicht?
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