Feuchtgebiete 3: Ein feministisches Buch?
Der „Rasurzwang“ (Roche) und ähnliche Lifestyle – ja/nein Debatten (z. Bsp. Brust OPs, Stöckelschuhe, …) sind auch andernorts zu beliebten Themen avanciert (vgl. auch Rubrik Haltungsnote in diestandard.at), die Polarisierung in lust- oder zwangvolle Anpassung an gängige Schönheitsideale oder die Rebellion dagegen wird gern zur Gretchenfrage einer sich selbstverständlich als locker begreifenden allgemeinen „feministischen Haltung“ stilisiert. In dieser moderaten Form bleibt Feminismus zwar auch in Klischees verhaftet, ist aber offensichtlich wieder salonfähig. Der gemeinsame Feind sind Normen, der Weisheit letzter Schluss ist immer das Credo individueller Freiheit, so auch bei Roche: „Ich möchte nur, dass Frauen die Wahl haben, den einen oder einen anderen Weg zu gehen.“ hier gehts zum link
Aber welche Wege das sein, und wie sie beschritten werden könnten, bleibt offen. Feuchtgebiete bringt zwar keine neuen feministischen Perspektiven, fängt aber auf unterhaltsame Weise einige grundlegende Stimmungen und Erfahrungen postmodernen „Frau-Seins“ ein. Es gibt genug Identitätsangebote, von denen man sich als Frau abgrenzen kann oder sollte – aber offenbar wenige, die einer Identifikation wert sind.
Vielfältige Arten des weiblichen Orgasmus zu kennen (wie von Helen ausführlich dargelegt), ein ausgefeiltes Vokabular für Sexualorgane und –praktiken zu haben oder provokante Kritik an Hygiene und Weiblichkeitsnormen sind erfrischend und erfreulich, aber noch keine politische Strategie zur Gleichstellung. Auch nicht, wenn sie zum selbstbestimmten Umgang mit dem eigenen Körper ermutigen sollen und das Selbstbewusstsein heben. Zudem ist die Freizügigkeit der Protagonistin nicht bruchlos selbstbestimmt, wenn sie sie als Mittel einsetzt, um Anerkennung und Zuwendung zu finden.
Nun sind es gerade diese Bruchstellen, die zwischen provokanter Abgrenzung zum Althergebrachten bzw. „Angebrachten“ und der Suche nach individuell vertretbaren Lösungen zum Ausdruck kommen, die Helen authentisch und sympathisch machen. Der Autorin kann durchaus auch aus Sicht der Leserin zugestimmt werden, wenn sie sagt: „Was Helen sich in dem Buch denkt, hat viel mit mir zu tun.“ hier gehts zum link
Obwohl Roches Interviews und Ausführungen zum Buch oft oberflächlich bleiben, definiert sie doch sehr klar und direkt, was Feminismus für sie bedeutet: „Konkret bedeutet das, dass meine Mutter mir beigebracht hat, dass die Welt frauenfeindlich ist und dass es noch viel zu tun gibt, bis Frauen dieselben Chancen haben wie Männer. Das hat auch etwas mit Zivilcourage zu tun: Wir müssen uns streiten.“ hier gehts zum link
Da hat sie recht – und dafür ist Selbstbewusstsein hilfreich und freche Schamlosigkeit wirklich oft heilsam. Und dazu kann man bzw. frau in Feuchtgebiete tatsächlich einiges lernen.
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