Tiefenrausch
Tiefenrausch – Kunst und Führungen in den Linzer Unterwelten
Grenzgang mit OK Offenes Kulturhaus Oberösterreich und Linz09 im Öffentlichen Raum
Ein Bericht zu Museum der Unterwelten, Strom des Vergessens und Kanaldeckel Landstraße
„Erkundet werden die Keller, die Stollen, die unterirdischen Welten von Linz. Den Weg ins Unergründete säumen verlassene Orte, Räume, die mit Erinnerung aufgeladen sind, aber auch aktive unterirdische Produktionsstätten. Ausgangspunkt ist das Museum der Unterwelten, eine kulturhistorische Ausstellung im OK. Im Aktienkeller findet sich internationale zeitgenössische Kunst zum Thema „Erinnern und Vergessen“. Auf der Landstraße werden Kanaldeckel zu Periskopen unterirdischer Systeme.
Auch führt TIEFENRAUSCH an Orte, die dem Publikum sonst verschlossen bleiben – Stollenanlagen, Trinkwasserspeicher, Krypten der Linzer Altstadtkirchen. Auf dem Arena-Platz vor dem OK schließlich ein Tauchturm vom Attersee. Alles in allem ein spektakulärer Kunstparcours, dem die BesucherInnen durch die kilometerlangen Gänge folgen.“
Die Idee, die Linzer Unterwelten für eine Ergründung öffentlich zugänglich zu machen und die Erinnerung, die mit verlassenen Orten verbunden ist mit künstlerischen Mitteln aufleben zu lassen, ist gut. Tiefgründigen Geheimnissen, Vergessenem und Unbekanntem im unmittelbaren Lebensumfeld nachzuspüren, macht jedenfalls neugierig. Und auch die in Aussicht gestellten Grenzüberschreitungen zu kollektiven und individuellen Unterwelten des Bewusstseins klingen überaus reizvoll.
Allerdings: „Unterwelten gibt es viele und jede Tiefe braucht ein Zentrum“
Genau dieses Zentrum fehlt leider. Für BesucherInnen wird es dadurch schwer, tatsächlich in einen Tiefenrausch zu geraten: Geboten wird eine assoziativ wirkende Zusammenstellung, ein Sammelsurium thematischer Aspekte und Zugänge verschiedener „Unterwelten“.
Obwohl Tiefenrausch über eine klare konzeptuelle Gliederung verfügt, ist es weder gelungen, ein durchgängiges Konzept zu vermitteln und erkennbar umzusetzen, noch, die einzelnen Themenstränge befriedigend auszuarbeiten.
Die Höllenbilder im OK „Museum der Unterwelten“ fallen beispielsweise recht enttäuschend aus - die Krampusdarstellungen und wenigen weiteren Exponate könnten eine ansprechende Zugabe sein, ein kleiner Ausschnitt aus dem reichen Schatz kulturhistorischer Repräsentationen von Höllenbildern und Teufelswerken. Es bleibt also bei der christlichen Schreckensfantasie – die mythologischen Innenwelten werden weitgehend ausgespart.
Weniger ist zwar mehr, aber dieses Konzept wurde insgesamt auch nicht verfolgt und in diesem Fall ist wohl eher mehr weniger.
Tiefgang erhält die Zusammenschau durch einzelne Exponate, die sich eben dadurch auszeichnen, dass sie ihre eigene überzeugende Auseinandersetzung mit klar definierten Themen liefern. Beispiele aus dem Museum der Unterwelten sind die elektromagnetische Klanginstallation von alien productions: „Tiefenklang I es ist viel zutage gekommen“, oder – etwas kurzweiliger - die Videoinstallation „Tales from the Underworld“, von Christoph Draeger / Heidrun Holzfeind.
Auch in der Ausstellung „Strom des Vergessens“ im Aktienkeller finden sich überzeugende künstlerische Arbeiten. Schade, dass gerade diese Arbeiten in der etwas unmotivierten Zusammenstellung von Tiefen und Untiefen in beiden Ausstellungen etwas untergehen. Sich einzulassen wird dadurch nicht unbedingt leichter gemacht, sondern erfordert ziemlich langen Atem.
Möglicherweise erhält das Projekt so mehr Breitenwirkung, Linz09 soll ja viele Geschmäcker bedienen. Und entsprechenden Umsatz gewährleisten – die beachtlichen Eintrittspreise sollen jedenfalls noch erwähnt werden und auch, dass die Teilnahme an Führungen BesucherInnen in organisatorischer Hinsicht nicht leicht gemacht wird. Wer sicher teilnehmen will, sollte „rechtzeitig“, d.h., ein paar Tage vorher reservieren. Und sich auch nicht zu viel an Hintergrunderläuterung erwarten.
Die Kanaldeckel auf der Landstraße sind immer noch frei zugänglich, d.h., können gratis besichtigt werden.
Übrigens auch schade: Dass „Up and Down“, Fernando Sánchez Castillos Installation im Aktienkeller nicht funktioniert hat, die Denkmal-Maschine „ (…) birgt einen hohen sinnbildhaften Wert und scheut sich nicht vor einem interaktiven „Denkmalsturz“, der beliebig oft wiederholbar ist.“…
(Ausstellungsführer Tiefenrausch – Linzer Unterwelten)
Prädikat: Durchaus sehenswert – aber nur bedingt berauschend.
...get involved as Friend or Contributor and log in to add comments.
Re:Tiefenrausch
he
habt ihr gewusst warum kanaldeckel (achtung: nicht zu verwechseln mit gullideckeln!) IMMER rund sind?
nur wenn sie rund, sind können sie unmöglich in den schacht fallen!
Re:Tiefenrausch
bei mir hat die denkmalmaschine übrigens schon funktioniert (du hast aber nichts verpasst), ansonsten bin ich, was die kritik betrifft ganz bei dir...
Re:Tiefenrausch
zentrum hin oder her, ich war noch selten auf einer ausstellung, wo ich mit so vielen installationen etwas anfangen konnte. ob das für den strom des vergessens spricht weiss ich nicht ;)
besonders cool fand ich die videoprojektion von hito steyerl, bei der im krieg der 90er zerstörte filmrollen aus der erinnerung nachgezeichnet wurden.
Re:Tiefenrausch
ach ja, der generalissimo franco hat sich mir auch gezeigt